Die Vorstellung ist zu deutsch, um wahr zu sein: In den Brüsseler Europabehörden begrüßen sich die Beamten mit „Guten Morgen, Herr Kollege!“, und einem germanischen Bückling. Durch die Kantine hallt es verbissen „Mahlzeit!“. Am Eurotelephon meldet sich niemand mehr mit „Hello!“ oder „Oui?“, sondern artig mit „Hier Frau Dupont“. Durch die Flure hasten Eurokraten mit ihrem Sprachschatten, dem Eindeutscher vom Dienst.

Endlich haben die EG-Partner kapiert, was Sache ist: Wer achtzig Millionen Bürger einbringt und auch noch am meisten in die gemeinsame Kasse zahlt, der hat das Sagen – auch, was die Sprache angeht.

Bundeskanzler Helmut Kohl und mit ihm nicht wenige in der wiedervereinigten Republik hätten wohl nichts dagegen, wenn Europa etwas deutscher würde.

Erst jüngst schrieb der Kanzler (zum wievielten Mal eigentlich?) an Kommissionspräsident Jacques Delors: Deutsch müsse endlich gleichberechtigt neben Französisch und Englisch stehen. Nicht nur als offizielle Amtssprache, das ist es sowieso, und das bringt nicht viel. Nein, als Arbeitssprache, und das heißt ja wohl zumindest, daß jeder Deutsche bei der EG Deutsch zu sprechen hat und daß jeder, der ihn nicht versteht, selber schuld ist. Sollen die Eurokraten doch Deutsch lernen oder sich eines Dolmetschers bedienen, wenn sie mit ihren germanischen Kollegen kommunizieren wollen.

Natürlich protestiert die deutsche Wirtschaft mit Recht, wenn die EG-Kommission Ausschreibungen oder Förderprogramme nur in französischer und englischer Version vorlegt. Geschäft ist Geschäft, und der Mittelständler aus deutschen Landen hat einen Anspruch auf Formulare, die er versteht. Übrigens genau wie seine italienischen, spanischen, portugiesischen, griechischen, dänischen und niederländischen Konkurrenten. Doch die waren wohl bisher zu schüchtern, um sich zu Wort zu melden und aufzubegehren.

Vielleicht wären sie aber gut beraten, gleich die Sprache Goethes zu lernen. Denn, so formulierte es jüngst der Deutsche Industrie- und Handelstag: „Durch die Entwicklung in Deutschland und die Öffnung Osteuropas hat die deutsche Sprache deutlich an Gewicht gewonnen. Diesem Sachverhalt sollte die EG-Kommission Rechnung tragen.“

Und nicht nur die. Auch die elf Partner könnten sich eigentlich langsam darauf einstellen, daß Deutsch „in“ ist. Wer spricht denn noch Englisch, wo jeder weiß, daß London nur darauf aus ist, auch seine Sprache zu benutzen, um Europa zu blockieren! Hat die Regierung Ihrer Majestät nicht in Maastricht die Perspektive eines föderalistischen Europa mit dem Argument hintertrieben, der Begriff bedeute bei ihnen etwas ganz Schreckliches?