Von Fredy Gsteiger

Blut an den Händen zu haben gehörte für Georges Habasch immer zum Beruf. Als Arzt in palästinensischen Flüchtlingslagern in Jordanien lernte er, damit zu leben. In seiner zweiten Laufbahn, als Terrorist, machte er sich freilich die Hände nicht mehr selber schmutzig. Als Mann fürs Grobe hielt er sich den Adjutanten Wadi Haddad, einen Zahnarzt. Er ist vor Jahren schon in Berlin an Blutkrebs gestorben. Georges Habasch war auch vor seiner Gehirntumor-Operation, seit der er teilweise gelähmt ist und am Stock geht, kein Pistolero, sondern ein Schreibtischtäter.

Allerdings einer von der übelsten Sorte. "Der schlimmste Terrorist der Welt", meinte ein französischer Spitzenpolitiker. "Der Erfinder der Flugzeugentführungen", hieß es dieser Tage in den Pariser Medien. Und einen "Schlag ins Gesicht" nannte Israels Außenminister David Levy die (vorübergehende) Aufnahme des Erzfeindes Habasch in Frankreich.

Die Liste der von Habasch angezettelten Greueltaten ist lang – und unvergessen: Die Entführung einer Boeing 707 der El Al nach Algier setzte 1968 den Auftakt. Es folgten der Anschlag auf eine El-Al-Maschine in Athen, die Entführung einer DC-8 der Swissair 1970 nach Jordanien, eines Jumbos der Pan Am und einer Boeing 707 der TWA, dann der "schwarze September" im haschemitischen Königreich mit einer Serie von Mordanschlägen und Entführungen in der Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Jordaniern, die Morde auf dem Flughafen von Tel Aviv im Mai 1972, die Entführung eines Air-France-Flugzeugs nach Entebbe 1976, Maschinengewehrsalven auf El-Al-Passagiere in Orly und schließlich der Anschlag auf die Synagoge in der Rue Copernic in Paris 1980.

Darüber hinaus setzte Georges Habaschs Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) den berüchtigten venezolanischen Terroristen Carlos alias Dich Ramirez Sanchez ein. Habaschs "Freiheitskämpfer" ließen RAF-Anführern wie Gudrun Ensslin oder Andreas Baader sowie Schergen der japanischen "Roten Armee" paramilitärische Ausbildung angedeihen. Seither gilt Habasch den einen als Monster, seinen Getreuen jedoch als Hoffnungsträger, als nobler, großherziger, faszinierender Führer. Gleichwohl: Als er vergangene Woche in Paris zu greifen gewesen wäre, lag weder ein Haftbefehl noch ein Auslieferungsbegehren gegen ihn vor.

Die "großen Zeiten" Georges Habaschs sind freilich vorbei. Mit 66 Jahren ist der Terroristenführer ein schwerkranker Mann. Noch 1973 entführte der israelische Geheimdienst Mossad eine Maschine der Middle East Airlines, weil er ihn an Bord glaubte. Die Sowjets hatten jedoch gerade noch rechtzeitig von dem Plan Wind bekommen und Habasch – den sie doch immer nur als "Pseudo-Revolutionär" abtaten – gewarnt. Heute geben sich die Israelis gelassen. "Er ist ein Mann, der uns nicht besonders mag", formulierte Ministerpräsident Jitzchak Schamir in einem Interview mit dem Figaro salopp. Sein Anliegen, die Rückeroberung Palästinas, hat Georges Habasch freilich nie aufgegeben. Und dieses Ziel verfolgt er auch heute nicht mit dem Ölzweig.

Er war 22 Jahre alt, als seine Familie, wohlhabende griechisch-orthodoxe Getreidekaufleute in Palästina, von den Israelis aus Lod – dort, wo sich heute Tel Avivs Ben-Gurion-Flughafen befindet – vertrieben wurde. Dieses Erlebnis und die nachfolgenden Jahre als ungeliebter Flüchtling haben den Bürgersohn geprägt. Habasch wurde zum Radikalen. Er brüstet sich: "Mir ist es gelungen, meine bürgerliche Herkunft abzuschütteln." Er sieht sich als Chef der palästinensischen Arbeiterklasse und verspottet Jassir Arafat als Vertreter des "kleinbürgerlichen Milieus".