Von Dieter Buhl

Manchester/New Hampshire im Februar

Seit sieben Wochen drängt sich Patrick Buchanan nach einer Rolle, die er oft beschrieben, aber nie gespielt hat. Er will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Den Wunsch teilt der 53jährige mit einem halben Dutzend Männer der unterschiedlichsten politischen Couleur. Nur wenige der Kandidaten jedoch beschäftigen die öffentliche Phantasie so stark wie der Medienstar, der das Amt anstrebt, das derzeit sein Parteifreund Bush besetzt.

Der Amateur und Außenseiter, der den mächtigsten Politiker Amerikas herausfordert, das ist ein Drama auf bewährter Bühne. Schauplatz ist New Hampshire, wo auch in diesem Jahr der Präsidentschaftswahl die ersten Entscheidungen über die künftigen Bannerträger der Parteien fallen. Es gibt zu dieser Jahreszeit angenehmere Regionen als den kleinen Bundesstaat im Nordosten, den der Wind aus Kanada mit eisiger Kälte durchpustet. Für Buchanan indes birgt das Terrain politischen Vorteil. Der „Granitstaat“ zählt zu den Gewinnern der verschwenderischen Reagan-Jahre. Er blühte auf unter dem Milliarden-Regen des Pentagon. Jetzt werden Militärbasen geschlossen, die Rüstungsbetriebe stöhnen über Auftragsmangel, und die Schlangen vor den Arbeitsämtern wachsen. Deshalb findet Buchanan immer stärkere Resonanz, wenn er fragt, was eigentlich los sei in diesem Land und warum der Präsident auf die Misere nicht reagiere.

An Eindringlichkeit fehlt es dem Herausforderer nicht. Der konservative Kolumnist und Fernsehpolemiker kann mit dem Wort umgehen. Als Redenschreiber für die Präsidenten Nixon und Reagan wie für den gaunerhaften Vize Agnew hat er die Kunst des Zuspitzens zur Vollendung gebracht. Er spießte die „ausgebrannten Snobs“ der Presse, die „freischwebenden Feiglinge“ und die „Vikare der Wankelmütigkeit“ in Washington mit seiner Feder auf. Seine Wortkaskaden gelten noch immer als Belege für stechende Präsidentenrhetorik. Auch nach seiner Zeit im Weißen Haus waren Liberale, Progressive, überhaupt Andersdenkende nie sicher vor der Stacheldraht-Sprache des Erzkonservativen. Jetzt schüttet er seinen ganzen Zorn über den schwankenden Republikaner Bush aus, und er nährt damit seinen Ruf als „der große Spalter“ der Nation.

Buchanans über viele Jahre elektronisch vermitteltes Charakterbild schwankt zwischen den Extremen. Für die Liberalen ist der Fernsehdisputant ein kryptofaschistischer Bullterrier, die Konservativen verehren ihn als Prediger der reinen Lehre. Doch so kräftig er auch zuschlägt, als Schlägertyp wäre Patrick Buchanan zumindest heute eine Fehlbesetzung. Nicht nur weisen ihn seine Verbindlichkeit, sein Charme und seine elegante Erscheinung als besseren Herrn aus. Der Wertehüter vom Dienst hat auch Humor. Beim Publikum in New Hampshire kann er immer auf freudigen Zuspruch rechnen, wenn er die Washingtoner Lobbyisten für Japan oder Korea als „die Geishas der neuen Weltordnung“ aufs Korn nimmt, wenn er sich über die wahlkämpfenden Stellvertreter des Präsidenten wie First Lady Barbara oder Vizepräsident Quayle lustig macht und ankündigt, jetzt sei auch noch Millie (der Präsidentenhund) auf dem Weg in die Wahlschlacht.

Selbstironie schimmert durch, wenn der Kandidat sich mit den Problemen seines eigenen Erscheinungsbildes beschäftigt. „Als was bin ich in diesem Wahlkampf nicht alles gescholten worden“, klagt er: „als Antisemit, Rassist, Sexist, als Hinterwäldler, Isolationist, Protektionist, sozialer Faschist und Bierhallen-Konservativer. Und dann hat Sam Donaldsen (einer der großmäuligsten Fernsehreporter) auch noch die Stirn, mich zu fragen, ob ich unsensibel sei.“