Von Tasso Enzweiler

Es ist nicht gerade ein angenehmes Gefühl für ihn: Juergen Krackow muß in diesen Tagen die intimsten Details seines Konzerns offen ausbreiten. Doch ob es ihm paßt oder nicht: Der Unternehmensstriptease läßt sich nicht vermeiden.

Krackow, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Maschinen- und Schiffbau AG (DMS) in Rostock, hat derzeit fast täglich Prüfer-Teams verschiedener Unternehmen zu Gast, die die ostdeutschen Werften kaufen wollen. Vorher wollen die Übernehmer in spe aber den Werftenkonzern von vorne bis hinten durchleuchten. Und Manager Krackow muß ihnen Rede und Antwort stehen – auch bei indiskreten Fragen nach Kosten, Fertigungstiefe und zum Zustand der technischen Anlagen.

Der ostdeutsche Schiffbau wird privatisiert. „Bis Anfang März werden wir die Investoren bekanntgeben“, sagt Klaus-Peter Wild, Vorstandsmitglied der Treuhandanstalt. Mit diesem Entschluß setzt die Berliner Behörde eine Linie fort, die sie in fast allen Industriebranchen der ehemaligen DDR durchzieht: Das schnelle Zerschlagen und Verkaufen hat für Breuels Mitarbeiter allemal Vorrang vor der Bewahrung eigenständiger industrieller Kerne in den neuen Ländern. Diese Politik könnte die Werften in Mecklenburg-Vorpommern, das am Schiffbau hängt wie der Kranke am Tropf, zu fremdbestimmten Filialbetrieben und verlängerten Werkbänken degradieren.

Das Gerangel um die sechzehn Unternehmen der DMS hat schon begonnen. So will sich die Bremer Großwerft Vulkan zusammen mit dem früheren Vulkan-Großaktionär Hans-Heinrich Thyssen-Bornemisza die Mathias-Thesen-Werft in Wismar und die Neptun-Warnow-Werft in Rostock-Warnemünde einverleiben; die Vulkan-Gruppe konkurriert dabei mit dem norwegischen Passagierschiff-Hersteller Kvaerner AS aus Oslo um die beiden günstig gelegenen Betriebe. Vulkan will sich zudem das Rostocker Dieselmotorenwerk zulegen, auf das aber auch die Augsburger MAN Burmeister & Wain ein Auge geworfen hat. Der Bremer Werft- und Bauunternehmer Detlef Hegemann möchte sich die Peenewerft in Wolgast sichern. Für die Boizenburger Elbewerft interessiert sich ein dänisches Unternehmen.

Die Filetstücke des ostdeutschen Schiffbaus sind damit schon fast vergeben. Während vor allem die Zulieferer schwer verkäuflich sind, werden die fünf Werften voraussichtlich alle – mit Ausnahme der Volkswerft in Stralsund – übernommen werden. Doch trotz der anstehenden Privatisierung will sich auf den Helligen in Wismar, Warnemünde, Boizenburg und Wolgast keine rechte Aufbruchstimmung einstellen. Die Arbeiter sind verunsichert und vom Verkauf ihrer Werften alles andere als begeistert.

„Wir fühlen uns von der Treuhand verschaukelt“, sagt Winfried Graf, Rohrschweißer der Neptun-Warnow-Werft in Rostock-Warnemünde. Der überwiegende Teil der Belegschaft denkt so wie Graf: Fast alle haben auf die Erhaltung eines eigenständigen mecklenburgischen Schiffbaus gehofft. Dieser Traum ist nun ausgeträumt. Sicher wird es im Nordosten der Bundesrepublik auch weiterhin Werftindustrie geben. Doch die neuen Eigentümer werden im Westen sitzen oder im Ausland; dort fallen dann die Entscheidungen, dort wird künftig zum überwiegenden Teil konstruiert, entwickelt, geforscht.