HEIN: Nein, so extrem ist das nicht. Wenn das der Fall wäre, hätte ich früher gar nicht schreiben können. Ich habe nur die Gefahr gesehen und davor gewarnt, daß diese Ersatzfunktion scheinbar immer wichtiger wird. Ich empfinde es als eine Befreiung, daß diese Funktion von anderen übernommen wird. Bestimmte Briefe können jetzt an den Staatsanwalt gehen, nicht mehr an irgendeinen, der sich für einen ungerecht Behandelten einsetzt. Das spart Zeit.

GRASS: Wenn ich mich politisch eingemischt habe und es weiter tue, dann nicht, weil die Anforderung von außen an mich herangetragen wird, sondern weil ich mich auch als Bürger definiere. Ich zahle Steuern in diesem Land. Mich interessiert wie jeden anderen Bürger auch, was mit diesen Steuern geschieht. Ich könnte mir vorstellen , daß Christoph Hein zu einem späteren Zeitpunkt, wenn er sich mal erholt hat von der Überbeanspruchung, die Frage ganz anders beantwortet. Nicht etwa, weil jemand seine Hilfe gegen den Staatsanwalt braucht, sondern weil er es richtig findet dreinzureden.

HEIN: Das ist eine Wunschvorstellung. Ich stecke noch in derart vielen Gremien drin und werde immerzu gebeten, irgendwas zu retten, irgendwelche Kulturinstitutionen. Der Satz mit dem Elfenbeinturm meint mehr, eine Hoffnung als einen Ist Zustand.

GRASS: Elfenbeinturm ist eine wunderbare Metapher. Wenn ich ein Manuskript anfange, dann muß ich abtauchen, muß ich das Dauergeräusch von Öffentlichkeit ausknipsen und mich mit den Geräuschen umgeben, die zu meinem Text gehören. Aber es kommt etwas hinzu, und das betrifft, trotz der verschiedenen und oft gegensätzlichen Lebenserfahrung der Schriftsteller in den beiden ehemaligen Staatsgebieten, die gemeinsame Erfahrung, daß das Schweigen der Intellektuellen in der Endphase der Weimarer Republik mit dazu beigetragen hat, daß dieses schwache Gebilde zerschlagen werden konnte, daß dieser erste Versuch, eine Demokratie zu etablieren, gescheitert ist. In einem Land, in dem Bücher verbrannt worden sind und dann Menschen, ist, was in anderen Ländern vielleicht erlaubt sein mag, der absolute Rückzug in den Elfenbeinturm fragwürdig.

HEIN: Mich hat schon immer das Verstummen des alten Racine und des alten Shakespeare sehr interessiert. Oder das Verstummen etwa eines Tucholsky. Das ist die Folge eines enormen Engagements.

GRASS: Das kann uns auch passieren. Wenn es so weiterläuft, wie es gegenwärtig läuft, verschlägts einem die Sprache. Hildesheimers Verstummen habe ich respektiert. Aber diejenigen, die du angesprochen hast, Shakespeare, Racine, haben, bevor sie ihr Gärtlein bestellten, sich eingemischt und sind regelrecht gescheitert.

HEIN: Für mich ist es einfach befreiend, diese Ersatzfunktion nicht mehr erfüllen zu müssen. Ich brauche die Ruhe. Oder wie Grass sagt, um arbeiten zu können, brauche ich die Geräusche der Arbeit und nicht noch andere. Und wenn ich höre, einer sei verstummt, dann geht es mir wie jenem Zeitgenossen von Voltaire, der sagte: "Ich freue mich immer, wenn ich wieder mal höre, Voltaire sei gestorben. Ich weiß, dann kommt in einem Vierteljahr die neue Schrift raus "