Sie sind ein „einfacher Mann aus dem Volke“ oder ein „abgebrochener Kleriker“, eine Frau, die vergewaltigt wurde und in eine Konflikthölle geriet, als sie nach der Abtreibung mit einem Geistlichen redete, oder eine Mutter, die ihren Söhnen nicht mehr ihren eigenen naiven Kinderglauben zumuten zu können glaubt. Sie haben sich mit Psychoanalyse beschäftigt und mit den Gottesbildern anderer Religionen, zitieren moderne Exegeten und besitzen New-Age-Erfahrungen.

Sie verfügen über ein altes Körnchen Religiosität, aber auch einen neuen Brocken Skepsis. Sie wollen glauben, wissen aber nicht was, wie oder warum. Sie haben von jenem Mann in Paderborn gehört oder gelesen, der offenbar auftritt „wie einer, der Macht hat“ – und der in der totalen Unsicherheit einen neuen Halt verspricht. Sie wollen herausfinden: Ist dieser Eugen Drewermann ein Prophet – oder ein Rattenfänger? So sind sie zu seiner Vortragsreihe gekommen, die der katholische Theologe in einer evangelischen Kirche in München hält – ein großartiges Beispiel gelebter Ökumene, nicht wahr? Oder? Und so stellen sie ihm im Verlauf eines „Seminars“ ihre Fragen – nach dem „Gottesbild des Jesus in der Sicht Eugen Drewermanns“; nach der „ewigen Verdammnis“; nach dem Absolutheitsanspruch einer Hierarchie; nach der Rolle des Gebetes.

Was hatte er ihnen zu bieten in diesen Vorträgen? Was hat er uns zu bieten in den Vortrags-Mitschnitten, die soeben als Tonband-Kassetten angeboten werden? Zunächst einmal den sanften, so gar nicht evangelisierenden Tonfall eines Therapeuten, die wohltuend moderate Stimme, die unversehens sich einschleicht zwischen die Vorbehalte, sich einnistet in die Skepsis und den festen Willen kritischer Distanz aufknackt – die also, wird er sagen, Vorurteile aufdeckt und beseitigt.

Sodann eine gute Portion relativierender Zurückhaltung: „Was ich da treibe, ist lutherische Rechtfertigungslehre mit den Mitteln der Psychoanalyse“; ein bißchen kokette Lust an rätselhafter Selbstbeschreibung: „Wir müssen Feuerbach plus Freud zusammenlegen, um Bultmann weiterzuinterpretieren“; eine verflixt geschickte Art, in rhetorischer Souveränität die enorme Belesenheit einfließen zu lassen in Form mundgerechter gut verdaulicher Beispiele aus der Weltliteratur.

Das Zentrum seiner „Predigt“ ist bekannt: die Bildersprache der Bibel als symbolisch dechiffrieren – die Texte lesen „wie Träume der vergangenen Nacht, die wie Bilder aus dem Raum des Nichtwirklichen eine Wirklichkeit beschreiben, die einzig wirksam ist jenseits von Zeit und Raum“; diese „Träume“ nach Geist und Methode Sigmund Freuds analysieren; die Analysen übertragen in ein neues Glaubensbewußtsein, in dem die Angst überwunden wird; den Glauben in eine neue Praxis verstehenden und liebenden Umgangs miteinander einfließen lassen. Ein Prophet? Ganz sicher. Wahrscheinlich. Vielleicht. Oder doch nicht? Warum nur will sich da einiges sperren? Wo ist er zu „packen“? Warum wollen wir ihn packen, wenn er uns doch das Glauben möglicher macht?

Weshalb bäumt sich da eine kirchliche Hierarchie auf? Wieso versteift sie sich auf die Details einer Jungfrauengeburt oder des leeren Grabes, der Historizität von Wundern oder lehramtlicher Definitionen? Zieht sie nicht am gleichen Strang einer „menschlichen“ Religion, einer Transzendenz des „Menschlichen“? Müßte sie nicht glücklich sein über jeden Propheten, der den alten Gott neu verkündet, „gelegen oder ungelegen“, über jeden noch so unvollkommenen Versuch, verkrustete Strukturen und mumifizierte Denkschemata aufzubrechen im Sinne einer aktuellen Gotteserkenntnis? „Es ist ein Jammer“, gesteht einer ihrer „Hirten“, daß „das so schiefläuft“ – aber auch er weiß keinen erfolgversprechenden Ausweg aus dem Dilemma beiderseits mißverstandener guter Absichten. So müssen wir halt die Kassetten des entamteten Lehrers ein weiteres Mal hören, bereitwillig und skeptisch zugleich. (Eugen Drewermann: „Mythos und Geschichte – Symbol und Wirklichkeit“ / „Am Tag, als Milomaki kam“ /„Der Mythos vom Paradies“ / „Was den Menschen böse macht“ / „Der Besessene von Gerasa“ / „Die Heilung des Blinden“ /„Heil und Heilung in der Bibel“; Audiotex Intenational, Gramartstr. 46 d, A-6020 Innsbruck)

Heinz Josef Herbort