Lang, lang ist’s her, und manchmal will es scheinen, als hätte es den Herbst 1989 überhaupt nicht gegeben. Das Lustspiel, einen skierotisierten Staat enden zu sehen, ward zum Trauerspiel und nun zur Posse. Zeit für Satire. Nur ein Beispiel von vielen: Wenn Ex-Präsident Kant den Fischer Verlag, Karl Corino und Reiner Kunze verklagt, um denen untersagen zu lassen, ein belastendes Stasi-Dokument zu zitieren, und als Entlastungszeugen seinen einstigen SED-Adlatus Henniger benennt, so ist das, als beriefe Don Giovanni seinen Diener Leporello zum Kronzeugen seiner Monogamie.

Die moralische Empörung, die den Umsturz trug, flüchtet sich derzeit in Spott. Wir müssen wohl, ein Ratschlag Nietzsches, die ernster als verdient genommenen Dinge lustiger nehmen, als sie es verdienen. Wir haben offenbar zu viel gewünscht, und unsere Illusionen waren so heroisch wie naiv.

Die ostdeutschen Schriftsteller erneuerten 1990 ihren Verband und wähnten nun, frei und unabhängig zu sein und zu bleiben, um sich später ohne Hast mit dem westdeutschen VS zu etwas Neuem, Drittem zu vereinen. Doch es kam ganz anders und schneller als gedacht. Die letzte DDR-Regierung strich alle Mittel, worauf die unvermittelt Mittellosen flugs die Notehe mit dem westdeutschen VS wollen mußten. Ein durchaus toleranter Bräutigam, der aber seit geraumer Weile unterm Dach der Gewerkschaft wohnte.

Wie es sich darunter lebt, erhellte Ende Januar die Wahlversammlung des Berliner Landesverbandes. Er hat 439 Mitglieder und in seiner Kasse 1282,17 Mark. Mit diesem kapitalen Kapital hätte er vielleicht noch eine Chance, erstünde er davon vier Lose der Nordwestdeutschen Klassenlotterie. Wird vom Vorstand Geld benötigt, muß dies bei der Gewerkschaft beantragt werden, und einer wußte zu berichten, daß ein Rundschreiben an die Mitglieder aus Kostengründen nicht bewilligt wurde, worauf ein anderer, durchaus kein Ketzer, fragte, ob die vor Jahren Ausgetretenen nicht doch zu Recht befürchtet hätten, die Schriftsteller würden in der IG Medien untergehen.

Sodann ging es um die Kommission, welche die Geschichte der beiden Verbände aufarbeiten soll, so beschlossen im Mai 1991 auf dem Vereinigungskongreß in Lübeck-Travemünde. Spät ist es geworden und für die Kommission, fürchte ich, bereits zu spät. Als Kantorowicz im Westen eintraf, soll Koestler ihn gefragt haben: Warum kommst du erst jetzt? Dennoch: Selbst die späte Botschaft hört man wohl. Allein, solch eine Kommission gab es im erneuerten Schriftstellerverband-Ost schon einmal, und zu deren Vorsitzenden ließ sich der Lyriker Heinz Kacklau wählen, der hernach verkündete, früher einmal sieben Jahre für Mielkes Ministerium gearbeitet zu haben. Das Forschungsergebnis unter seiner Leitung war entsprechend: null. Derselbige nun ließ sich jüngst in den Berliner Vorstand wählen, und wenn die Versammlung bis dahin lediglich trostlos war, so näherte sie sich nun rasant dem Geschmacklosen.

Die neue Kommission wird nichts Neues bringen. Nicht, weil sie die Suppe nicht redlich auslöffeln wollte. Sie kann es nicht: Die Löffel sind zu kurz, die Töpfe zu zahlreich und zu tief. Was ein professioneller Full-time-Job ist, wird nicht nebenberuflich von Schriftstellern bewältigt werden. Was jetzt zu installieren wäre, ist eine interdisziplinäre Projektgruppe mit Zeit, Geld und Kompetenz, die nicht nur in die unvollständigen Archive der beiden Verbände schaut, sondern gründlich in die dokumentierten Hinterlassenschaften der SED, des Ministeriums für Kultur und, nicht zuletzt, in die des Ministeriums für Staatssicherheit. Schnellschüsse gibt es derzeit genug. Joachim Walther

Der Schriftsteller Joachim Walther, 1943 in Chemnitz geboren, lebt im Ostteil Berlins. Er war von März 1990 bis zur Auflösung des DDR-Schriftstellerverbandes dessen stellvertretender Vorsitzender.