George Bush und Boris Jelzin haben neue Vorschläge zur atomaren Aufrüstung vorgelegt. Reichen sie aus? Für Gerd Schmückle, den ehemaligen stellvertretenden Oberbefehlshaber der Nato, steht fest: Es gibt keinen Mittelweg zwischen der Abschaffung und Ausbreitung von Nuklearwaffen.

/ Von Gerd Schmückle

Während des Golfkrieges versprach der amerikanische Präsident der Welt eine neue Weltordnung. Dies klang wie ein Ruf ins Gelobte Land. Doch seitdem ist viel Zeit vergangen, und die Welt wurde nicht besser. Vielerorts herrscht nicht Ordnung, sondern Chaos. Daraus könnte tatsächlich eine neue Weltordnung auftauchen, verwirklicht von den alten Weltveränderern: der Revolution und dem Krieg.

Dabei galt noch gestern die These, Revolutionen und Kriege gäbe es in Europa nicht mehr. Für gewaltsame Umstürze seien die beiden Systeme, die Europa teilten, zu stabil, und jeden Krieg verhindere zuverlässig das Gleichgewicht des atomaren Schreckens. Der Irrtum hätte größer nicht sein können. Zuerst warfen die Völker Osteuropas ihre kommunistischen Herren aus den Sätteln. Dann hob sich, wie in einem Theater, der Eiserne Vorhang und gab den Blick frei auf ein neues europäisches Spektakel. Schließlich riß sich im Osten die Kriegsfurie von der Kette, an der sie 45 Jahre lang gehangen hatte.

Die Welt sah atemlos zu, wie Moskau die Atomwaffen entwunden wurden, ohne daß man wußte, in welche Hände sie gerieten. Auf einmal erkannte eine breitere Öffentlichkeit, daß sich anderswo in der Welt ebenfalls Atomwaffen – wie Metastasen – ausbreiteten. Keine gemütliche Situation. Daher wäre bei dem Gedanken an eine neue Weltordnung zuallererst zu fragen: Darf diese Welt in eine Vielzahl von Atomwaffenstaaten gegliedert sein? Müßten ihr diese Waffen nicht vielmehr verboten werden?

Gewiß: Bisher hat die Atomwaffe Krieg in Europa verhindert. Heute wissen wir, daß Moskau plante, Westeuropa notfalls bis zum Atlantik militärisch zu kassieren. Doch gewagt wurde dieser Kraftakt eben nicht, weil Moskau wußte, je weiter seine Armeen nach Westen vordringen würden, desto sicherer käme die westliche atomare Vergeltung. Diese Wechselwirkung ließ den Kalten nicht in einen heißen Krieg umschlagen, mochten sich die Krisen zwischen Ost und West noch so tief einfressen. Soll dies alles nicht mehr gelten?

Die Antwort ist: nein. Diese Zeiten sind, zumindest fürs erste, vorbei. Mit der Sowjetunion zerbrach auch das bisherige Gleichgewicht. Es wich einer westlichen Überlegenheit. Und so seltsam es klingt: Damit wurden der Nato auch ihre Atomziele entzogen. Denn eine östliche Großoffensive ist mehr als unwahrscheinlich geworden, und die ehemals sowjetischen Atomwaffen bedrohen weniger den Westen als den Zusammenhalt in dem verfallenden Weltreich selbst.