Das ist der letzte Ort der Welt – eine trostlose, gottverlassene "Bude". Das ist vielleicht der letzte Tag der Welt, "eines Abends, spät, in der Zukunft". Und das ist wahrscheinlich der letzte Mensch der Welt: Herr Krapp, "ein zermürbter alter Mann". Der Mann ist allein, dreifach allein mit sich selber: Krapp, der Greis, hört sich die Tonbänder an, auf denen Krapp, der Mann, sich an Krapp, den Jüngling, erinnert.

Als Samuel Beckett höchstselbst sein Stück inszenierte, 1969 in Berlin, war der Herr Krapp kein "zermürbter alter Mann". Nicht im geringsten. Denn Martin Held war Becketts Krapp, und Held spielte den letzten Menschen auch als letzten Theaterkönig, über allen Verfall triumphierend – und Krapps "Bude" wurde, für 45 unsterbliche Theaterminuten, ein Theaterkönigreich, in welchem die Sonne und der leuchtende Witz nicht untergingen.

Mit welcher Lust Herr Krapp in den alten Tonbändern wühlte! Mit welchem Jubelhohn der alte Mann K. über jenen eitel dröhnenden Schwätzer herfiel, der er selber einmal gewesen war! Mit wieviel strahlender Selbstironie der alte Schauspieler Held seinem jüngeren Bonvivant-Doppelgänger lauschte – Georg Hensel hat dieses Zwiegespräch einmal sehr schön als Dialog zwischen Heids Beckett-Stimme und Heids Anouilh-Stimme charakterisiert.

Und vor allem Krapps Bananen! Wie Martin Held sie behutsam schälte, man muß wohl sagen: entkleidete! Und wie er dann in die süße, weiche Frucht hineinbiß, gierig, lüstern, unersättlich, die bösen Folgen der Wollust (Verstopfung!) heroisch ignorierend! Als wäre Becketts letzter Mensch der Welt auch schon wieder der erste – kräftig genug, die ganze lange Geschichte, vom Affen bis zur Atombombe, noch einmal fröhlich von vorne zu beginnen.

So mischte sich in Becketts schweigsame Endzeitmusik eine zweite Stimme. Der Triumphgesang des Komödianten: Ich spiele, also bin ich. Also bleibe ich. Das letzte Band hat kein Ende.

Das kurze Wunder der Berliner Inszenierung war aber nun, daß der Schauspieler Held den Dichter und Regisseur Beckett nicht einfach mit Spiellust und Verve überrannte (dies hätte der heilige Samuel auch niemals gestattet); daß die Aufführung vielmehr ein in jeder Sekunde hochempfindliches, genau kalkuliertes Zwiegespräch blieb, in welchem sich Becketts Finsternis und Heids Heiterkeit so untrennbar vermischten, daß man am Ende auch Becketts Heiterkeiten und Heids Finsternisse gesehen und begriffen hatte.

Natürlich war Martin Held ein schwerer, ein sog. deutscher Schauspielkünstler (und im sog. deutschen Film ließ man ihn manchmal wohlig dröhnen und von ganzem Herzen chargieren). Aber anders als bei seinen ruhmreichen Vorgängern (wie Jannings oder George) war seine Schwere frei von Enge und Dämonie – denn Held konnte sie souverän mischen mit Leichtigkeit, überrumpelndem Witz, satirischer Schärfe. Er war keiner, der aus den schwarzen Wäldern kam, sondern der klassische Weltstadtschauspieler: ein besserer Herr, ein Entertainer, ein Genießer und Selbstgenießer, im Zweifelsfall lieber ein bürgerlicher Satyr als ein Philosoph. In Heids Schauspielkunst kam es zu einer auf dem Theater nicht eben häufigen Begegnung: zwischen Genie und Herzlichkeit.