Bei Bürgern und Politikern wächst die Besorgnis über die Umweltzerstörung – mit konkreten Maßnahmen aber tun sich alle nach wie vor schwer

Von Ludwig Siegele

Dem Fernsehzuschauer wird es kaum auffallen. Aber wenn die Abfahrer demnächst bei den Olympischen Winterspielen in Frankreich den Berg herunterjagen, dann machen sie einen kleinen Schlenker – der Natur zuliebe: Es gilt, die seltene Harlekinsblume zu umfahren. Die Veranstalter der Wettkämpfe, die am Samstag im savoyischen Albertville eröffnet werden, haben die Piste bei Val-d’Isère extra um das geschützte Hahnenfußgewächs herum planiert.

Der Pflanzenschutz ist Symbol. In Frankreich grassiert das Grünfieber: Unternehmen geben sich reihenweise einen grünen Anstrich; der Pariser Metrobetreiber RATP etwa färbt seine Tickets um. Immer mehr Zeitschriften stellen grüne Experten ein; ein Umweltartikel pro Ausgabe ist Muß. Und Grüne legen bei Wahlen kräftig zu; beim Urnengang für die Regionalparlamente im März werden die Öko-Kandidaten mancherorts sogar die Sozialisten überflügeln.

Mit konkretem Umweltschutz tut sich Frankreich jedoch nach wie vor schwer. „Der steckt noch in den Kinderschuhen“, meint Michel Barnier, zugleich Präsident des Olympischen Komitees und Öko-Experte der Gaullisten im Parlament. Kein Wunder: Jenseits des Rheins waren und sind die strukturellen Bedingungen für Umweltschutz so ungünstig wie wohl in keinem anderen westeuropäischen Land.

Ob beim Bewußtsein, in der Politik, im Rechtssystem oder in der Wissenschaft – die Hemmschwellen für den französischen Umweltzug sind noch zahlreich. Albertville paßt da ins Bild. Zwar war die Umwelt zum erstenmal bei Winterspielen nicht mit Abstand letzter, und das nicht nur bei der Männerabfahrt: Auch beim Langlauf in Les Saisies, im Schatten des Mont Blanc, haben die Veranstalter die Piste mit viel Aufwand an geschützten Biotopen vorbei gelegt. Zudem kam die Olympiastadt durch die Spiele endlich zu einer Kläranlage; zuvor pumpte man die Abwässer der 18 600-Einwohner-Gemeinde einfach in die Isère.

Aber die Öko-Sünden überwiegen: Statt beispielsweise die bestehende Nationalstraße nach Albertville am rechten Ufer der Isere zu verbreitern, ließ die Regionalregierung das linke Ufer mit einer Autobahn zubetonieren – weil sie nur so zu finanzieren war. Und beim Olympiadorf Brides-Les-Bains schlugen die Bautrupps eine 1,5 Kilometer lange und 30 Meter breite Schneise in einen vorher geschützten Wald – um Platz für einen Skilift zu schaffen.