Ein ungeheurer Wal, aus blauen Wassern geworfen (...), geriet ans Gestade der Katten. Welch Schrecken der atlantischen Tiefe ist der Wal, wenn er vom Sturm und durch eigene Kraft an den Saum des Landes getrieben wird und auf trockenem Sande gefangen liegt“ – gleichsam fasziniert wie furchterfüllt beschreibt die Legende eines Kupferstich-Flugblattes 1598 die Strandung eines Pottwals. Erst solche ans Ufer geworfenen Wale erlaubten den Menschen, sich ein Bild von der Größe und Gestalt der gewaltigen Meeressäuger zu machen. Die Strandungen an der niederländischen und flandrischen Küste und ihre Abbildung in Flugblättern legten vor fast 400 Jahren den Grundstein für das walkundliche Wissen von heute. Künstler aus den Druck- und Verlagszentren Amsterdam oder Antwerpen fertigten meist Auge in Auge mit den „schrecklichen Monstern“ Kupferstiche oder Radierungen von ihnen und fügten sie den reißerischen „fliegenden Blättern“ bei, die vom damaligen Publikum wie eine aktuelle Illustrierte gelesen wurden.

Sehr schnell – binnen weniger Jahrzehnte – entwickelte sich das „Strand“-Portrait des Wals vom phantastischen Monstrum zum naturgetreu abgebildeten Meeressäuger. Der Kölner Historiker Klaus Barthelmeß und der Hamburger Zoologe Joachim Münzing verfolgten diesen Werdegang. In ihrem jüngst erschienenen Buch „Monstrum Horrendum“ präsentieren sie ihre Entdeckung als druck- und motivgeschichtlichen Streifzug durch Waldarstellungen. Was die Menschen damals angesichts eines gestrandeten Wals bewegte, erzählen alte Bildlegenden, die übersetzt und mit sachkundigen Kommentaren ergänzt sind. Für den Leser schimmert der Schrecken durch, der Küstenbewohner, aber auch Künstler angesichts eines riesigen Walkadavers befiel, denn viele deuteten ihn als Symbol göttlichen Zorns. So spricht das Werk nicht nur Walforscher, sondern auch kulturhistorisch Interessierte an.

Beide Autoren sind profunde Kenner der Materie und zudem mit der Nase im Wind gewesen: Barthelmeß fuhr selbst auf Walfang, Münzing ging als Fischereibiologe auf Fahrt. Acht Jahre lang sammelten der Geistes- und der Naturwissenschaftler akribisch historische Dokumente und Darstellungen. Besonders seltene, sogar für Flugblattforscher unbekannte Stücke fanden sich in den Walfangmuseen der amerikanischen Ostküste, vor allem dem Kendall Whaling Museum in Massachusetts. In Europa stieß das Duo häufig in Kupferstichkabinetten von Kunsthallen auf frühe Illustrationen. Das Ergebnis ihres Sammeleifers läßt sich sehen: etwa 70 – teils farbige – Abbildungen auf 200 großformatigen Seiten, die in drei einzelne Bändchen getrennt und in einem festen Schuber wieder vereint sind. Im Aufsatzteil (I) entfalten die Schreiber ihre motivkundlichen Thesen, der Katalogteil (II) zeigt 23 Flugblätter, Flugschriften und Kupferstichtafeln, die von 1531 bis 1601 erschienen. Im Referenzteil (III) folgen sie den Spuren der Drucke in Konterfeis späteren Datums.

Ihr Befund: Viele Künstler „kupferten“ im wahrsten Sinne des Wortes die Vorlagen ihrer Vorgänger ab, ohne jemals einen aufs Trockene geratenen Wal in natura gesehen zu haben. Wenn für eine Illustration nötig, verwandelten Radierer dann schon mal den Pottwal eines Kollegen in einen Bartenwal, indem sie ihm einfach einen anderen Unterkiefer „einpaßten“. Oft schlichen sich beim Kopieren Fehler ein: Das Blasloch beispielsweise lag an der falschen Körperseite, oder die Brustflosse ähnelte – zu weit kopfwärts gelegen – eher einer Ohrmuschel. Für die Autoren wie für den Leser erstaunlich bleibt, wie zoometrisch präzise gerade die ersten Zeichner und Kupferstecher anatomische Details der Wale erfaßten – inklusive der exakten Größe der Genitalien.

Kirsten Brodde

Klaus Bartelmeß, Joachim Münzing:

Monstrum Horrendum

Wale und Waldarstellungen in der Druckgraphik des 16. Jahrhunderts und ihr motivkundlicher Einfluß Ernst Kabel Verlag, Hamburg 1991, 200 S., 98,– DM