Nicht nur die ehemalige sowjetische Botschaft muß ihre Visitenkarten einstweilen noch handschriftlich korrigieren: Da heißt es nun, nachdem die "UdSSR" diskret unter weißem Tipp-Ex verschwunden ist, Botschaft der "russischen Föderation".

Auch der Leiter des neugegründeten zwanzigköpfigen Aufbaustabs im Bonner Innenministerium, Klaus Pohle, greift zum Kugelschreiber. Auf seiner Visitenkarte wird aus dem Arbeitsstab "Neue Bundesländer", diesmal ohne Tipp-Ex, der Arbeitsstab "Rußlanddeutsche". Was allerdings, mahnt Pohle, nicht zu falschen Schlußfolgerungen verleiten dürfe.

Fehlte es da und dort an der Gelegenheit oder an Geld, um neue Kärtchen drucken zu lassen? Oder – die Frage drängt sich auf – lohnt es vielleicht gar nicht erst in diesen unsicheren Zeiten des unablässigen Wandels?

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Ganz im Zeichen des Wandels fand vorige Woche im Innenministerium eine kleine Premiere statt: Zwei deutsche Landräte der ersten deutschen Rayons in Rußland (Altaigebiet, Omsk) bereisten Deutschland.

Ihre Anliegen: Hilfe für die Rußlanddeutschen und eine autonome Wolgarepublik, an deren Verwirklichung der Aussiedlerbeauftragte Horst Waffenschmidt trotz Boris Jelzins Einwänden unbeirrt festhält. Freilich steht im Augenblick keineswegs fest, ob und wie viele Rußlanddeutsche bereit sind, dorthin umzusiedeln. Die Perspektive eines eigenen Staatsgebildes habe dennoch "hohen Symbolwert", wird in Bonn immer wieder betont.

Schon etwas zaghafter klingt die Beteuerung: Das Tor nach Deutschland bleibe dennoch offen. 500.000 Rußlanddeutsche haben Ausreiseanträge gestellt; weitere 150 000 besäßen bereits einen Ausreisebescheid. Die anderen sollen sich nun auf das riskante Unternehmen Wolgarepublik freuen.