Daß der Bericht, in dem Manfred Stolpe Rechenschaft ablegte über seine Tätigkeit als leitender Jurist der evangelischen Kirchen in der DDR, zu Turbulenzen führen würde, war fast zu erwarten. Erstaunlich freilich ist, welche merkwürdigen Vorwürfe im Schlepptau der legitimen Diskussionen erhoben und – ebenso willig wie ungeprüft – aufgegriffen wurden. „Ich biete Ihnen Ausreise und Westgeld – wer kann das sonst?“ überschrieb die FAZ einen Bericht, in dem Roland Worgitzki, ein ehemaliger DDR-Bürger, zu Wort kam. Darin hieß es, die evangelische Kirche in der DDR habe die Notlage von ostdeutschen Übersiedlern ausgenutzt, um kirchlichen Angestellten billig zum Erwerb von Häusern der Antragsteller zu verhelfen. Ja, die Kirche habe sogar Grundstücke gegen Ausreisegenehmigungen gehandelt.

So auch im Falle Worgitzki: Die Familie hatte ihr Grundstück am 31. Mai 1989 einem Pastoren-Ehepaar verkauft, dann den Erlös einer kirchlichen Einrichtung gespendet und war am 1. August 1989, also gut zwei Monate vor der Wende, aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen worden. Am 21. August 1989 erhielt die Familie im Westen von einer kirchlichen Stelle den Gegenwert der „Spende“ (tatsächlich also des Verkaufserlöses) im Verhältnis 3:1 in Westmark ausgehändigt.

Wenn man die auch im Fall Worgitzki angewandte Praxis genauer darstellt, fällt freilich der Vorwurf der Bereicherung und Nötigung schnell in sich zusammen.

Richtig ist: Wer aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen werden wollte, mußte sich von seinem Immobilienbesitz im Wege des Zwangsverkaufs trennen. Zum Zwangsverkauf kam es regelmäßig, wenn der Ausreiseantrag bereits gestellt worden war. Setzte man sich vorher mit einem Käufer in Verbindung, konnte man zu höheren Preisen freihändig verkaufen. Was aber, wenn die Ausreise hernach nicht genehmigt wurde? Wer sich mit der Kirche in Verbindung setzte, fand in deren Umkreis nicht nur Käufer, sondern suchte in ihr selbst eine Institution, die bei der Durchsetzung des Ausreisewunsches behilflich sein konnte; er nahm also deren Vertrauenswürdigkeit bewußt in Anspruch.

Im Falle Worgitzki stellen die Westberliner Anwälte Reymar und Hasso von Wedel die Sache wie folgt dar: Nicht die Erwerberfamilie habe die Worgitzkis zum Verkauf gedrängt, sondern die Ausreisewilligen hätten das Haus von sich aus zum Kauf angeboten. Außerdem sei der Wert des Hauses von einem zugelassenen Gutachter, der nicht bei der Kirche angestellt war, geschätzt worden.

Zunächst also hat die Familie Worgitzki auf diese Weise einen Kaufpreis erzielt, der höher lag als im Fall einer Zwangsverkaufes. Freiwillig oder zwangsweise – der Erlös bestand so oder so in Ostmark. Damit hätte ein Ausgebürgerter im Westen nichts anfangen können, außer in den extrem engen Regeln über den nichtkommerziellen Zahlungsverkehr.

In dieser Situation bot die Kirche den Betroffenen folgendes an: Wenn sie den Erlös in Ostmark an eine Einrichtung der DDR-Kirche spenden, wird ihnen nach ihrer Ankunft im Westen von einer Einrichtung der evangelischen Kirche in der Bundesrepublik im Verhältnis 3 : 1 Westmark ausgezahlt (der damalige Schwarzmarktkurs lag – viel ungünstiger – bei 6 : 1). Im Falle Worgitzki wie in anderen Fällen konnte außerdem auch zusätzliches Bargeld in Ostdeutschland gespendet und so nach Westen „transferiert“ werden – als Startkapital für das dringend angestrebte „neue“ Leben.