Manche Historiker glauben immer noch, eine moderne Gesellschaftsgeschichte brauche das Feld der Familie allenfalls zu streifen und könne Fragen des privaten Lebens getrost der Alltagsgeschichte überlassen. Das Buch von Josef Ehmer zeigt hingegen, daß dem Heiratsverhalten zentrale Bedeutung für die soziale Struktur zukommt. Die Alternative Heirat oder Ehelosigkeit war im 19. Jahrhundert nicht nur für die Betroffenen wichtig, sondern fand höchste Aufmerksamkeit in Politik und Sozialwissenschaft.

Ehmer belegt dies durch einen systematischen Vergleich Mitteleuropas – das heißt des Deutschen Reiches und der österreichischen Hälfte der Habsburgermonarchie – mit England. Dabei zeigt sich, daß der durch kapitalistische Industrialisierung und Agrarmodernisierung ausgelöste Wandel in diesen beiden Teilen Europas in mancher Hinsicht gegensätzliche soziale Konsequenzen und Reaktionen hervorbrachte. Während die Menschen in England immer früher heirateten und die Zahl der lebenslang Ehelosen sank, wurden in den meisten Regionen Mitteleuropas die Heiratsmöglichkeiten immer mehr eingeengt. Erklärt wird dieser grundlegende Unterschied durch die jeweiligen sozialen Traditionen. Im mitteleuropäischen Handwerk hatte sich in der Frühen Neuzeit als Leitbild ein weithin herrschendes Muster herausgebildet, das die Heirat und Gründung eines eigenen Haushalts an ökonomische Selbständigkeit band. In England hingegen war die Grenze zwischen Meister und Geselle weit weniger scharf gezogen, und auch die Gesellen pflegten zu heiraten und einen eigenen Hausstand zu führen. So ging in England der „proletarische Familienvater“ aus dem verheirateten Gesellen hervor, während in Mitteleuropa das kapitalistische Gewerbe vielfach die Arbeitskraft lediger Gesellen nutzte.

In einem besonderen Teil seiner Untersuchung zeigt Ehmer, wie diese Modelle bis in die demographische Theoriebildung des 20. Jahrhunderts hinein fortwirkten. Höchst anregend ist seine Argumentation, daß die Bindung der Heirat an eine „volle Nahrungsstelle“ wenig mit einem Gleichgewicht zwischen Bevölkerung und ökonomischen Ressourcen, sehr viel mehr mit sozialer Kontrolle, einer auf Gesinde und Gesellen beruhenden Arbeitsorganisation und dem Interesse an der Reproduktion entsprechender gesellschaftlicher Strukturen zu tun hatte – hier kritisiert er mit guten Gründen weithin akzeptierte Modelle der historischen Demographie.

Ehmers Buch stützt sich hauptsächlich auf aggregierte Daten, ganze Regionen oder Gewerbezweige. Hinsichtlich der Handwerksgesellen und Industriearbeiter insbesondere der Schuhproduktion jedoch geht er bis zu Individualdaten aus Volkszählungen und kann so belegen, daß das englische Muster verheirateter Arbeitskräfte und das mitteleuropäische der Beschäftigung lediger Gesellen jeweils weitreichende Konsequenzen für die regionale Mobilität und die Lebensläufe, aber auch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hatte. Spätestens hier wird man bedauern, daß Ehmer sich ausschließlich mit den Heiratschancen der Männer befaßt und die entsprechenden Fragen für Frauen ausklammert. Insgesamt zeichnet er eine großflächige Landkarte und arbeitet die tieferen Zusammenhänge lediglich am Beispiel eines Teils des städtisch-gewerblichen Sektors heraus. Zuzustimmen ist ihm darin, daß in diesem Bereich die Bedingungen für verschiedene europäische Regionen und Länder leichter vergleichbar sind, als es bei den ländlichen Verhältnissen der Fall ist. So mag diese Studie zugleich Ausgangspunkt sein für lokale und regionale Monographien, die den komplexen Zusammenhang von Lebenslaufmustern und Familienform mit der jeweiligen Sozialstruktur, Arbeitsorganisation und herrschaftlichen Ordnung konkreter analysieren könnten. Jürgen Schlumbohm

  • Josef Ehmer:

Heiratsverhalten, Sozialstruktur, ökonomischer Wandel England und Mitteleuropa in der Formationsperiode des Kapitalismus. (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 92) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991; 324 S., 56,– DM