Verkehrsminister Günther Krause stützt sich auf ein fragwürdiges Gutachten

Von Frank Drieschner

Der Reporter kam sich vor „wie auf einem Nebenarm des Amazonas“. Stammestief stand der Erlenbruchwald im Wasser, Eisvögel schwirrten durch die Luft, Brandenten ließen sich neben reglosen Graureihern auf dem Brackwasser nieder. Von Süden her zog mit weit ausgebreiteten Schwingen einer der letzten Seeadler Deutschlands heran. Man schrieb das Jahr 1988. „Nach einer Wiedervereinigung irgendwann in ferner Zukunft“, so träumte damals der stern-Autor, könnte hier, an dem deutsch-deutschen Grenzflüßchen Wakenitz südlich von Lübeck, einmal ein Naturpark entstehen – „eine schöne Vorstellung, ein gesamtdeutscher Traum“.

Heute, vier Jahre später, gehören gesamtdeutsche Träume dieser Art einer fernen Vergangenheit an. An der Wakenitz, wo sich damals die Grenze hinzog „wie die Narbe eines gigantischen Peitschenschlages der Geschichte“ (stern), schwingt nun der Bundesverkehrsminister die Peitsche, um sein Lieblingsprojekt, die neue Ostsee-Autobahn A 20, durch die Flußniederung zu treiben. Und wo Günther Krause zuschlägt, da wächst kein Erlenbruchwald mehr und auch nicht Knorpelmiere, Wiesenstorchschnabel und Salomonssiegel – aussterbende Pflanzenarten, deren letzte Exemplare der Landesnaturschutzverband Schleswig-Holstein durch des Ministers Pläne bedroht sieht.

Im Streit um Krauses Autobahn stehen die Lager längst fest: hier der Minister, hinter sich den Bundestag und die Landesregierungen in Kiel und Schwerin, dort die Umweltschützer, vom BUND bis zum „Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer e.V,“, die „größte Bürgerinitiativbewegung aller Zeiten gegen ein Verkehrsprojekt“, wie die Biologin Adelheid Winking-Nikolay vom „Gesamtbündnis Keine Ostseeautobahn“ selbstbewußt formuliert.

Es geht um mehr als drei Milliarden Mark und 290 Kilometer Asphalt zwischen Lübeck und Stettin. Es geht um die überlasteten Bundesstraßen in Krauses Heimatland Mecklenburg-Vorpommern, den Anschluß des Landes an das westliche Straßennetz und damit, das jedenfalls hofft der Verkehrsminister, auch an das westliche Wirtschaftswachstum – „durchaus ernst zu nehmende Motive für ein Autobahnprojekt“, räumen auch die Autobahngegner von Greenpeace ein.

Es geht aber auch um die Wakenitzniederung und zahlreiche Lebensräume bedrohter Tier- und Pflanzenarten in Mecklenburg-Vorpommern, die nicht weniger wertvoll sind. Dort eine Autobahn zu bauen sei „nicht vertretbar“, meint man im Berliner Umweltbundesamt. Und es geht um die drohende Klimakatastrophe und ein absehbares Wachstum des Straßenverkehrs, das, wie dem Minister eine Studie bescheinigt, „nicht mit der Zielsetzung der Bundesregierung einer 25- bis 30prozentigen Reduzierng des CO2-Ausstoßes vereinbar“ ist.