Wie an Manfred Stolpe ein Exempel später Selbstgerechtigkeit statuiert werden sollte

Von Robert Leicht

Eine Vergangenheitsbewältigung, zweifach und zweideutig zugleich. Die Auseinandersetzung über Manfred Stolpe konnte so heftig nur aufflackern, weil es sich um eine Doppeldiskussion handelt: über die Kirche in der DDR und über die Politik in Bonn. Es geht nicht nur um das Verhältnis von Kirche und Staat unter den Bedingungen der DDR. In Wirklichkeit wird die gesamte Ost- und Deutschlandpolitik in der Phase der Entspannung angegriffen – und zwar nicht im Detail, sondern im Prinzip.

Stasi-Kontakte – das war nur das anstachelnde Reizwort. Tatsächlich steckte dahinter der von taktischen Absichten verunstaltete und verblendete Versuch, die zwei deutsch-deutschen Jahrzehnte von 1969 bis 1989 einer totalen Revision zu unterziehen – und sie an einer Person, die an einer Schnittstelle aller Kontakte gestanden hatte, wie an einem Sündenbock abzustrafen.

Im Jahr 1969 war die Regierung Brandt/Scheel angetreten, den Stillstand in der Deutschlandpolitik zu überwinden. Im selben Jahr trennten sich die ostdeutschen Landeskirchen organisatorisch von ihren Partnern; fortan verstanden sie sich notgedrungen als "Kirche im Sozialismus". Zwanzig Jahre später, nach dem jähen Zusammenbruch der DDR, werden diese beiden Entscheidungen nun wie ein sträflicher Irrtum angeprangert, als hätten sie den Wandel der Dinge nicht etwa beschleunigt, sondern aufgehalten.

Zweideutig ist die Debatte um Manfred Stolpe nicht so sehr wegen ihrer eindeutigen parteipolitischen Absichten. Daran sieht man nur, wie sehr die so bitter notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit, sooft es irgend geht, zu eigensüchtigen Positionskämpfen mißbraucht wird. Doppeldeutig wird die Auseinandersetzung vielmehr deshalb bleiben, weil ständig die Zeitebenen verwechselt werden, aus Unverstand oder Hintersinn.

Natürlich ist es ebenso notwendig wie berechtigt, aus heutiger Sicht die letzten zwei Jahrzehnte scharfsichtig Revue passieren zu lassen. Ebenso notwendig ist es freilich, politisches und kirchliches Handeln aus dem Horizont des jeweils damaligen Wissens zu verstehen. Erst eine Kritik, die beide Sichtweisen zugrunde legt, führt aus dem Kauderwelsch billiger Selbstgerechtigkeit und Selbstrechtfertigung heraus.