Von Christine Boer

Jeden Dienstag fahre ich ins Drob-Inn im Hamburger Stadtteil St. Georg, um mit Drogenabhängigen zu arbeiten. Am Hauptbahnhof steige ich aus. Zigarettenkippen zwischen den Gleisen; Gesichter, gesund und glücklich im Genuß auf Großaffichen: „Ich rauche gern“. „Bitte ein Bit“. „Campari, was sonst“. Vereint durch Sucht im Stil der Zeit. Ich gehe an der Spielothek vorbei. Am Eingang zum Drob-Inn stehen sie, die wir Junkies nennen. Auf die wir zeigen, weil ihnen ihre Sucht den Körper durchbiegt.

Lisas Puppengesicht sind die vielen Stationen ihres kurzen Lebens kaum anzusehen. „H (Heroin) konserviert“, sagt sie sarkastisch. Auf der Suche nach dem Kick ging sie mit vierzehn von zu Hause weg. Erst hatte die Großmutter für Lisa gesorgt, aber sie konnte die Protestieren zu Hause nicht halten. Da kam Lisa ins Heim. Doch auf Dauer war auch dort keine Bleibe für die vorübergehend zum Punk Mutierte. Schließlich ging sie auf den Strich, bekam ein aus Versehen gezeugtes Kind. Es ist im Heim. Lisa ist jetzt zwanzig. „Ich erzähle dir alles von mir“, versichert sie, die Meisterin im Zur-Kasse-Bitten, „du mußt mich nur gut bezahlen.“

Holger und Heike, das vor sich hin dämmernde Pärchen aus der Provinz, sieht man stets eng umschlungen stehen oder sitzen. Langeweile hat sie auf den Stoff gebracht. Erst schafft die achtzehnjährige Heike für beide an, dann verlegt Holger sich aufs Stehlen. „Am besten geht Klauen und wiederbringen“, sagt er, „dabei kannst du öfter absahnen. Warum ackern für andere? Null Bock!“ Jetzt sitzt Holger im Knast, und Heike fährt bald zurück zu ihren Eltern. Den Kontakt zu Holger haben sie ihr verboten, doch sie denkt nur an „die schöne Zeit mit ihm“ und schreibt Holger Briefe ins Gefängnis.

Olivers Hand ist mit einem Skorpion tätowiert: „Suche ’ne Wohnung und ’ne Frau, es kann auch ’ne Peitsche dabeisein“, lautet seine mündliche „Kontaktanzeige“. Er sitzt öfter mal im Knast, findet es verführerisch, als kleiner Krimineller das schnelle Geld zu machen. Er kann Gedichte schreiben, Bildgeschichten erfinden und malt sich selbst mit Wurzeln im Gesicht, „weil ich keine hab’“. Ihn verlangt es immer nach dem „Extra“, dem besonderen Lebensgenuß. Manchmal hat er die Gitarre dabei und singt sich mit heiserer Stimme in Ekstase. Sie nennen ihn „den wilden Mann“. Doch seine Haut hat Krater von den Einstichen, ein Abszeß hätte ihn beinahe das Leben gekostet. „Wir sind die, vor denen unsere Eltern uns immer gewarnt haben“, ist sein Kommentar.

Gildo rechnet sich nicht zu den zu kurz Gekommenen. Als Kind wurde in ihm der Sinn für das Lebendige geweckt. Der Vater unternahm mit ihm Exkursionen in die Natur, zeigte ihm Geheimnisse, spielte mit ihm „Neandertaler“. – Martin studierte Geologie, vollendete aber nicht die akademische Laufbahn. Als hochqualifizierter Spezialist oder als austauschbarer Techniker wollte er nicht funktionieren. Auf der Suche nach der Welt in sich probierte Gildo jede Droge aus. Nun ist der 36jährige ruhiger, nimmt nur noch Remedacen, steht für sich selber ein und hat eine innere Freundlichkeit und Toleranz gegenüber anderen.

Das Drob-Inn ist heute wieder voll. Pro Tag gehen mindestens hundert Klienten ein und aus. Hier können sie Spritzen tauschen, etwas Heißes trinken, eine warme Mahlzeit bekommen. Eine Ärztin, ein Berater warten auf sie. „Affig“ auf den nächsten Schuß oder apathisch durchs Bedröhnen, begnügen sie sich mit dem Traum.