Das Bahia Jorge Amados, eine brasilianische Stadt von faszinierendem Stolz und abstoßender Armut

Von Paul G. Grote

Pedro Archanjo fand man am frühen Morgen am Largo do Pelourinho. Major Damião und der Heiligenbildmaler hatten den Toten zuerst gesehen, ausgestreckt am Rand des gepflasterten Platzes. Die Nachricht machte rasch im Viertel die Runde. Man kannte sich, und die Anwohner kamen fassungslos auf die Straße.

Doch Pedro Archanjo hat nie wirklich gelebt. Er ist eine Fiktion, die wichtigste Figur im Roman „Die Geheimnisse des Mulatten Pedro“ von Brasiliens großem Romancier Jorge Amado. Schauplatz des Buches ist Bahia, die erste Hauptstadt Brasiliens. Viele von Amados Romanen handeln von der Stadt und ihren Menschen, dem Mysterium ihrer Existenz in der Schwebe zwischen Afrika und Europa.

Bahia – manche nennen die Stadt auch Salvador da Bahia de Todos os Santos – war immer spannend und geheimnisvoll. Die alte portugiesische Kolonialmetropole, „Mutter“ aller brasilianischen Städte, ist schön und gefährlich zugleich, von faszinierendem Stolz und abstoßender Armut, voller Duft und Gestank (gegen den manchmal sogar der Passat vom Atlantik nicht ankommt), von architektonischer Harmonie und einfallsloser Grobheit.

Die Pedro Archanjos findet man immer noch in der Altstadt um den Pelourinho: Drogen und Mord haben ihrem Leben ein Ende gesetzt und nicht der Schnaps oder das Alter wie bei Archanjo. Doch Bahia hat sich viel der Beschaulichkeit jener Tage erhalten. Es hat noch nicht das Tempo der Städte des Südens erreicht, wo der Takt der Maschine den Rhythmus der Trommel Afrikas verdrängt hat. In Bahia aber hört man die Trommeln noch – es ist fast eine afrikanische Stadt. Trotzdem beschleunigt sich sein Tempo. Zwei Arbeitsplätze braucht man hier, um die Familie zu versorgen, manchmal drei. Doch bleibt Zeit für die Unterhaltung, für großzügige Gesten und imposante Gebärden, für ein strahlendes Lächeln aus dunklen Augen.

Je nachdem, wo man wohnt oder absteigt, drängt sich Bahia als Ansichtskarte oder Bedrohung auf. Die Ruhe, das Spüren der Stadt auf der Haut stellt sich erst ein, wenn man sich ihr aussetzt, sich ihr öffnet. Doch nicht jeder hat den Schlüssel. Es ist Glücksache, ihn zu finden zwischen den schwarzen und weißen Steinen des Straßenpflasters mit dem Wellenmuster um Campo Grande oder auf dem Kopfsteinpflaster Pelourinhos, auf den sandigen oder schlammigen Hügeln von Cabula oder Pitangueiras.