Von Ernst Hess

Sein ein paar Jahren kommt er nicht mehr um die Mittagszeit ins Ristorante „Cavallino“. Nur sein Schlüssel zum Nebenzimmer steckt noch immer im Schloß. Der Commendatore Enzo Ferrari ist tot. Aber was will das schon heißen.

Im Ort Maranello, südlich von Modena, merkt man nichts davon. Der rote Mythos ist allgegenwärtig, vielleicht vitaler als je zuvor. Schließlich steht die Konzernmutter Fiat mit ihren Milliarden hinter dem kleinen Automobilwerk. Der Commendatore hatte vorgesorgt, rechtzeitig einen starken Partner gefunden – und dennoch weiter als Patriarch regiert. Im „Cavallino“ hängt sein Portrait über dem Salatbüffet. Fliegen summen dezent zwischen schweren Silberpokalen und Rennfahrerhelmen, Trüffelduft dringt aus der Küche. Hier hat der alte Ferrari seine Fahrer verpflichtet, nicht selten auch gefeuert, zwischen Cappuccino und Grappa. Höchster Gunstbeweis war das gemeinsame Mittagessen im Nebenzimmer.

Wie gesagt, der Schlüssel steckt noch. Käme Enzo Ferrari leibhaftig ins Lokal, man könnte sofort aufschließen. Die Versuchung zum Diebstahl wird auch dadurch nicht gerade gemindert, daß ein kleines Schild mit der Aufschrift „Ing. E. Ferrari“ am Schlüssel baumelt. Welch eine Reliquie!

Im Restaurant „Cavallino“ zu Maranello in der Emilia Romagna gibt es auch Dinge ohne Ferrari-Hinweis oder Aufdruck: Die Tortelloni mit Salbei und Butter, das Kalbfleisch in einer Balsamico-Sauce, die Melone, den Parmaschinken, selbst der Käse kommt ohne Wappen aus. Neunzig Prozent des Lokals sind mit dem schwarzen Pferd auf gelbem Grund verziert, Tapeten, Tischtücher, Servietten, Teller, selbst die Kacheln auf der Toilette.

Man kann eine Fabrik wie einen Urlaub genießen, wenn sie nur den richtigen Namen hat. Seit 1946 steht die Originalfassade aus roten Backsteinen. Auch der Torbogen hinter den Eisengittern war schon da, als der „Ingegnere“ seinen ersten Wurf, den Ferrari 125 Sport, präsentierte. Ab und zu hebt sich die Schranke. Ein fauchendes Grollen, der Duft nach verbranntem Gummi – und weg ist der rote Schatten eines F 40.

Die Leute in Maranello sehen nicht einmal von ihrer Zeitung auf. Es gehört zum Alltag, daß die Testpiloten mit dem sündhaft teuren Exoten auf vier Rädern in die Berge verschwinden. Gleich hinter dem Ort beginnt die Montagnana, eine Hügellandschaft, deren Kurven kein Computer besser hätte berechnen können. Zwischen den Weilern San Venanzio und Bartolacelli werden Bremsen, Fahrwerk und Getriebe einer gnadenlosen Prozedur unterworfen, kurz vor Serramazzoni die Drehzahlen der Zwölfzylinder in astronomische Höhen gejagt. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, jeder Tester kann bis ans Ende seines Lebens haftbar gemacht werden, wenn an dem von ihm gefahrenen Auto etwas passiert.