Von Theo Sommer

Seit vier Jahrzehnten lebt die Welt im Schatten der gegenseitigen Abschreckung. Die beiden Supermächte legten sich riesige Atomarsenale zu, dachten sich immer überkandideltere Strategien und Einsatzdoktrinen aus, investierten immer höhere Summen in immer komplizierteren Waffensystemen. Am Ende korrumpierte das Übermaß der nuklearen Rüstung den vernünftigen Grundgedanken der Abschreckung: daß Atommächte nur noch bei Strafe des eigenen Untergangs einen Angriff auf andere Atommächte oder deren Schützlinge riskieren konnten.

Dies war schon sichtbar, als Ost und West noch tief im Kalten Krieg steckten. Damals bereits erhoben sich viele Stimmen, die eine völlig atomwaffenfreie Welt forderten oder da allenfalls eine Minimalabschreckung tolerieren wollten. Robert McNamara, als US-Verteidigungsminister einst der Erfinder des Konzepts der Mutual Assured Destruction, der gesicherten gegenseitigen Vernichtung, plädiert seit langem für ein Arsenal von höchstens tausend Raketen auf jeder Seite.

Solange die westöstliche Konfrontation dauerte, fanden derlei Vorschläge kein Gehör. Die Logik des Systemkonflikts verlangte Überfluß, wenn nicht gar Übermacht. Aber nun, da der Kalte Krieg offiziell abgeblasen ist, der Kommunismus zusammengebrochen, die alte Bedrohungsangst im Westen wie im Osten geschwunden, ja verschwunden, wird allenthalben mit einem Male akzeptiert, daß Abrüstung möglich ist. Und nicht nur möglich, sondern auch nötig.

Die Volkswirtschaft der alten Sowjetunion – überwiegend eine Militärökonomie – ist an der Anstrengung des Wettrüstens zerbrochen. Doch auch den Gewinner im Kalten Kriege, die Vereinigten Staaten, hat der Sieg in die wirtschaftliche und soziale Insolvenz getrieben. Beide, der Sieger und der Verlierer, müssen jetzt den Militärs an die Kriegskasse greifen, wenn sie mit der niederschmetternden Erbschaft des Konflikts fertig werden wollen. Eine Einkrümmung auf ihre inneren Probleme ist die unausweichliche Folge. Wie vordem der Kalte Krieg, so setzt nun auch die neue Friedlichkeit ihre Prioritäten.

Anfangs suchten Washington und Moskau die Abrüstung noch in diplomatischen Verhandlungen zu kanalisieren. So kam es erst zum INF-Vertrag, in dem sich die beiden Supermächte zum Abzug ihrer Mittelstreckenwaffen aus Europa verpflichteten; dann im November 1990 zum KSE-Vertrag über die Verringerung der konventionellen Streitkräfte zwischen Atlantik und Ural; im Juli 1991 schließlich zum sowjetisch-amerikanischen Start-Abkommen über die Reduzierung der strategischen Atomwaffen. Der Zwang zum Sparen jedoch, dazu eine Logik der Abrüstung, der sich die Militärapparate nicht zu widersetzen vermochten, brachten alsbald eine Spirale einseitiger Abrüstungsmaßnahmen in Gang, die an die Stelle der alten Aufrüstungsspirale trat.

Es begann im September 1991 mit Bushs erstem freiwilligen Nachschlag zu den INF- und Start-Verträgen: Verschrottung aller taktischen Atomwaffen, die in Europa stationiert waren; Aufhebung des Alarmzustands für viele Fernflugzeuge und Interkontinentalraketen des Strategischen Bomberkommandos; Entfernung der auf Kriegsschiffen postierten taktischen Kernwaffen. Am Dienstag voriger Woche legte der Präsident noch ein Stück zu. Er will in den nächsten fünf Jahren weitere fünfzig Milliarden Dollar am Verteidigungsetat einsparen – einseitig durch Begrenzung der Stückzahl des Tarnkappenbombers B-2 auf zwanzig, Streichung des Raketenprogramms Midgetman, Einstellung der Sprengkopfproduktion für die Trident-Atomunterseeboote; auf Gegenseitigkeit durch Abbau aller Mehrfachsprengköpfe, den Verzicht auf die Eisenbahnrakete Peacekeeper und Verringerung der Sprengkopfzahl für die Minuteman III.