Im Osten war wieder Großflugtag. Gut 300 000 Männer und Frauen sind zu Jahresbeginn in die Arbeitslosigkeit abgestürzt; diese neue Schreckenszahl meldete die Bundesanstalt für Arbeit am Mittwoch.

Großflugtag: Der zynische Begriff wurde Mitte 1991 geprägt, als zum 30. Juni viele Kündigungsschutzabkommen ausliefen und im Juli 226 000 Ostdeutsche neu auf der Straße standen. Nun ist der 31. Dezember der schwärzeste Tag seit der Wiedervereinigung. Die beiden großen und viele kleinere Flugtage haben die Zahl der Arbeitslosen in den neuen Bundesländern auf 1,34 Millionen klettern lassen; die Quote liegt bei 17 Prozent. Das ist schlimm.

In Wahrheit aber ist alles noch viel schlimmer. Die schreckliche Zahl 1,34 Millionen wirkt fast harmlos, verglichen mit der tatsächlichen Dimension des Problems. Rund 1,7 Millionen Ostdeutsche werden vor statistischer Arbeitslosigkeit bewahrt, weil sie kurzarbeiten, an einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) oder Umschulung teilnehmen oder in den Vorruhestand geschickt wurden.

Wer es ehrlich meint, sollte daher stets von über drei Millionen Opfern des eiligen Strukturwandels und einer Quote von rund 38 Prozent reden. Nur dann versteht man, was wirklich los ist im Osten Deutschlands. Jeder dritte trägt den grausamen Stempel: „Derzeit nicht zu gebrauchen“. In einzelnen Landstrichen ist der Arbeitsmarkt eine Wüstenei, normale Jobs sind selten wie Oasen.

Aber nicht jeder will, daß der ganze Schrecken erkennbar wird. Vor allem der eine oder andere Gesundbeter aus der Regierungskoalition ist Freund der kleineren Zahl und zitiert beharrlich die reine Arbeitslosenquote. Doch die ist schon falsch in sich.

Die Zahl untertreibt. Das liegt an den veralteten Daten, mit denen die Nürnberger Bundesanstalt rechnet. Bislang wurden die Erwerbstätigenzahlen vom Dezember 1989 als Basis verwendet. Dieser Wert war zu hoch, weil Hunderttausende in den Westen abwanderten. Nun wurde erstmals eine Basis vom November 1990 genommen. Dies hat die Arbeitslosenquote um 1,3 Prozentpunkte nach oben gedrückt. Aber 17 Prozent sind immer noch nicht die ganze Wahrheit, weil auch im vergangenen Jahr Ostler in den Westen wechselten.

Dies sind keine nichtigen Zahlenspielereien. Nur wenn die Daten das Problem tiefenscharf abbilden, können die Politiker unter Druck gesetzt werden. Allerdings: Hunderttausende alter Arbeitsplätze, die vielleicht zu retten gewesen wären, sind definitiv verloren. So wie die Wiedervereinigung ablief, war die Katastrophe unvermeidlich. Man kann nicht eine Wirtschaft rasant umkrempeln und eine Währung schlagartig um über 300 Prozent aufwerten, ohne daß der Arbeitsmarkt zusammenbricht. Die grundsätzliche Entscheidung für den schnellen Wandel war eine Entscheidung für den Massenverlust von Arbeitsplätzen.