Die Krise im Baltikum

Nach der Revolution die Rezession: In der Unabhängigkeit erfahren die Esten ihre Abhängigkeit von Rußland

/ Von Christian Schmidt-Häuer

Tallinn im Februar

Sie waren immer die Ersten. Und die Esten werden die Letzten sein, die aufgeben. Doch selbst das erfolgreichste und kleinste Land der vormals fünfzehn Sowjetrepubliken ist zu Beginn dieses Jahres von einer Regierungs- und Versorgungskrise getroffen worden, die viele der 1,6 Millionen Einwohner buchstäblich frösteln läßt. Den nordisch-protestantisch geprägten Ostsee-Anrainern, die seit zwei Jahrzehnten mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch der Sowjetunion, mit den meisten Autos und einer Arbeitsproduktivität von 250 Prozent über dem Durchschnitt selbst ihren baltischen Nachbarn Lettland und Litauen weit vorausgeeilt waren, sind im Januar Benzin und Heizöl, Geld und Getreide, Milch und Medizin ausgegangen.

Am 23. Januar stürzte Ministerpräsident Edgar Savisaar, den am Ende viele den estnischen Gorbatschow nannten, weil auch er sich als Taktiker der Machtpolitik, aber nicht als Praktiker des wirtschaftlichen Umbaus erwies. Mit dem Abgang des früheren Reformkommunisten endet auch das Kapitel seiner Volksfront für die Perestrojka. In der Stadt der .Wehrtürme und Wetterfahnen, der gotischen Silhouetten und der spitzgiebligen Gildehäuser, die noch immer an die hanseatische Geschichte des alten Reval erinnern, fragen sich viele, wann und ob das befreite Musterland des bankrotten Imperiums zu den nordischen Traditionen Europas zurückfinden kann.

Die Republiken, so verlangten die estnischen Reformkommunisten um Vaino Väljas, Indrek Toome und Arnold Rüütel 1988 in Moskau, müßten künftig über ihr Eigentum und Nationaleinkommen selbständig verfügen können. Nicht mehr die Moskauer Ministerien sollten über ihre Preise und Arbeitslöhne, über die Finanzen und die Kreditpolitik bestimmen. Als höchste Form des Volkswillens habe das Referendum zu gelten; ein Unionsvertrag müsse die Gleichberechtigung der Sowjetrepubliken absichern.