Von Rob Kieffer

Docteur Flurin ist bescheiden. Als der pensionierte Hals-Nasen-Ohren-Arzt Cauterets’ Glanzzeit wieder lebendig werden läßt, indem er von adliger Kurkundschaft und von auf wildromantische Natur erpichten Künstlern erzählt, erfährt der Zuhörer nur ganz nebenbei, wie emsig die Familie Flurin an der touristischen Entwicklung des in den französischen Zentralpyrenäen gelegenen Thermalortes mitgewerkelt hat. Der Urgroßvater des siebzigjährigen René Flurin ließ die 1897 eingeweihte, von Tarbes hinaufführende Eisenbahnstrecke verlegen, die das Ende halsbrecherischer Maultierritte und beschwerlicher Postkutschenfahrten einläutete. Die Schienen wurden 1947 wieder entfernt, als die schnaufende Gebirgsbahn dem Konkurrenten Automobil unterlag.

Nur der Bahnhof hat überlebt. Er ist zweifellos die untypischste Konstruktion der gesamten Pyrenäen. Man reibt sich ungläubig die Augen und blickt auf die umliegenden Gipfel mit ihren Schneekapuzen, um sich zu vergewissern, daß man sich nicht in einem Cowboynest im fernen Texas befindet. Der ganz aus Holz zusammengenagelte Bahnhof sollte jedoch keine Kulisse für rauchende Colts sein, sondern eine Reverenz an den skandinavischen Baustil. Nordländer, allen voran Verwandte des norwegischen Königs, waren um die Jahrhundertwende die Vorhut der Wintersportler gewesen und hatten den verblüfften Bergbewohnern die ersten zaghaften Schwünge auf langen Holzlatten beigebracht.

Es gibt auch eine Allee, die den Namen eines Flurin trägt. Dieser errichtete um die Jahrhundertwende einige der Hotelpaläste, in denen livrierte Pförtner exzentrische Gäste wie die Actrice Sarah Bernhardt empfingen. Deren "Schmusekätzchen", ein ausgewachsener Leopard, hinterließ eine lädierte Suite und einen den Tränen nahen Hoteldirektor. Die meisten dieser wuchtigen Herbergen, die mit ihren Skulpturen, Säulen und Pilastern aus weißem Marmor eher an Pariser Boulevards erinnern, haben die Jahre überdauert, auch wenn ihnen die blaublütige Klientel abhanden gekommen ist.

Als die europäischen Aristokraten keine Lust mehr hatten, ihre Wehwehchen in den Kieselerde- und Schwefelbädern von Cauterets zu kurieren oder zu verwunschenen Bergseen hinaufzukraxeln, wandten sie sich den Badeorten am Atlantik zu. Im "Hotel Continental" oder im "Hotel d’Angleterre" vergilbten indes die weißen Vorhänge; mit den Tapeten blätterte auch der Charme der Belle Époque ab. Nur indem man in den Häusern Ferienappartements einrichtete, blieben diese einzigartigen architektonischen Reminiszenzen an Cauterets’ goldene Epoche vor dem Exitus bewahrt.

René Flurin setzte sich damals persönlich ein, um das verstaubte Image seiner Heimatortschaft aufzumöbeln: "Als Gemeinderatsmitglied ging ich 1959 von Tür zu Tür, von Familie zu Familie, um alle von der Notwendigkeit einer Seilbahn zu überzeugen." Zwar reisten im Sommer noch immer die Wanderer, Bergsteiger und Botaniker an sowie die auf ärztliche Verordnung kurenden Patienten, doch die Saison dauerte nur von Ostern bis Oktober.

Daß eine Ausdehnung bis in den Winter der einzige Lichtblick für die Zukunft des Thermalstädtchens war, wollte anfangs nicht so recht in die pyrenäischen Dickschädel hinein. 1963 wurde die Kabinenbahn, die zu den schneebedeckten Hängen hinaufführt, dann doch in Betrieb genommen.