Kassel, im Februar

Nur wenige Monate vor der UN-Konferenz in Rio, auf der über das Überleben der Welt diskutiert werden soll, beschäftigen sich die deutschen Grünen mit der Frage ihres eigenen Überlebens. Am vergangenen Wochenende in Kassel, bei der ersten Sitzung des Länderrates, des höchsten Parteigremiums zwischen den Bundesdelegiertenkonferenzen, ging es um die Vereinigung des ostdeutschen Bündnis 90 mit den westdeutschen Grünen: Wollten sie im Jahr 1994 getrennt zur Bundestagswahl antreten, würden voraussichtlich beide an der Fünfprozenthürde scheitern.

Die Grünen haben sich in den achtziger Jahren aus einer bunten Protestbewegung in eine ziemlich normale Parlamentspartei verwandelt: hier professionelle Funktionäre und Mandatsträger, dort eine weithin passive Mitgliedschaft. Wie kommt es, daß diese heute durchaus etablierte Partei ihrem zukünftigen und wesentlich kleineren Partner Bündnis 90 einräumt: „Wir sind prinzipiell offen für jede organisatorische Form der Zusammenarbeit“?

Es bleibt den Grünen, zum ersten, nichts anderes übrig. Die oppositionellen Kräfte aus der ehemaligen DDR lassen sich nicht so einfach „schlucken“, wie es andere Westparteien nach der Wende mit ihren jeweiligen Ostpartnern getan haben – mit entsprechenden Magenverstimmungen, die vor allem dann sichtbar werden, wenn mal wieder präsidiale Blockflöten durch Westimporte ersetzt werden müssen.

Gerd Poppe, Wolfgang Templin, Wolfgang Ullmann, Vera Wollenberger, Werner Schulz – sie haben ein anderes Standvermögen in der Verdrängungskonkurrenz mit westdeutschen Parteieliten. Ihre moralische Autorität aus den Tagen der DDR-Opposition, gewonnen im täglichen Kleinkrieg mit der Stasi und den SED-Funktionären, verbindet sich heute mit einem selbstbewußten Auftreten im Bundestag – aus dem die West-Grünen bei der letzten Wahl herausflogen. Warum sollte sich diese Gruppe den Grünen einfach „anschließen“?

Die Ostpolitik der Grünen war, zum zweiten, vor dem Revolutionsjahr 1989 so schizophren, daß sie zu Recht das Mißtrauen vieler Dissidenten im Osten auf sich zog. Auf der einen Seite suchten Grüne wie Petra Kelly oder Lukas Beckmann die beständige Diskussion mit Oppositionsgruppen und ließen sich auch durch zeitweise Einreiseverbote nicht von diesen Kontakten abbringen. Anderen jedoch waren die offiziellen Regierungs- und Parteikontakte wichtiger. Und wie der Fall des ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten – und Inoffiziellen Mitarbeiters des Ministeriums für Staatssicherheit – Dirk Schneider zeigt, versuchte die Stasi sogar, direkten Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Grünen zu nehmen.

Übrigens wurde am Rande der Sitzung des Länderrates ausgiebig darüber spekuliert, wie viele Grüne denn noch als Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auffliegen werden. Zahlen und Namen wurden ohne nähere Belege fleißig gehandelt. Ein Spiel, das gegenwärtig auch unter taz-Redakteuren und in Kreisen der alten Friedensbewegung stattfindet. Der Bundesvorstand der Grünen versucht jetzt, Licht in diese Angelegenheit zu bringen, und empfiehlt eine Überprüfung der alten Bundestagsfraktionen und Bundesvorstände bei der Gauck-Behörde. Anders läßt sich wohl auch kaum verhindern, daß Unschuldige zum Opfer innerparteilicher Denunziationen werden.