Von Horst Teltschik

Der deutsche Michel, der die Weltkugel auf seiner Schulter balanciert, „bewundert, gefürchtet, beneidet“ – so stellt sich für den Spiegel in dieser Woche das Bild der Deutschen im Ausland dar. „Die Angst vor den Deutschen“ ist dem Hamburger Magazin eine Titelgeschichte wert. Vermutlich würden die meisten Bürger überrascht reagieren, wenn man ihnen sagte, daß wir Deutsche unseren Nachbarn wieder Angst einflößen. Ist ihr Befinden nicht völlig anders?

Natürlich hat Deutschland durch die Vereinigung an Gewicht gewonnen. Aber dieses Ziel ist friedlich und mit Zustimmung unserer Nachbarn und Partner erreicht worden. Krisenherde der vergangenen Jahrzehnte (Beispiel: West-Berlin) sind entschärft, Konflikte wie der um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gelöst worden. Freundschafts- und Partnerschaftsverträge verbinden uns mit Rußland, Polen, der ČSFR, Ungarn und Bulgarien.

Die Bundesregierung ergriff im Frühjahr 1990, als sich die Einheit Deutschlands abzuzeichnen begann, gemeinsam mit Frankreich die Initiative, um die Integration der Europäischen Gemeinschaft zu beschleunigen und die Politische Union anzustreben. Damit sollte jeder Verdacht ausgeräumt werden, das geeinte Deutschland könnte sich vom Westen abwenden und zu einer Schaukelpolitik wie im 19. Jahrhundert zurückkehren. Der EG-Gipfel in Maastricht bekräftigte diese Politik.

Ging das manchem unserer Bürger nicht schon zu weit? Wie wären sonst die besorgten Stimmen über die Maastrichter Beschlüsse zur Wirtschafts- und Währungsunion zu verstehen? Die Tatsache, daß die Bundesrepublik Deutschland mit 52 Prozent der Leistungen an der Spitze der westlichen Staaten liegt, die den Reformprozeß in der ehemaligen UdSSR unterstützen – gegenüber Frankreich mit 1,79 Prozent, Großbritannien mit 0,14 Prozent, Amerika mit 6,15 Prozent, Japan mit 4,05 Prozent –, löst bei vielen die Besorgnis aus, wir könnten uns finanziell übernehmen. Sie würden es lieber sehen, daß mit diesen Mitteln Wohnungen gebaut, der Umweltschutz gefördert und Arbeitsplätze geschaffen würden.

Als der Golfkrieg ausbrach, demonstrierten Zehntausende Deutsche gegen den Krieg, während sich Frankreich und Großbritannien ganz selbstverständlich, ja fast demonstrativ auf die Seite der Vereinigten Staaten stellten. Deutschland mußte erhebliche internationale Kritik einstecken.

Auf die Krise in Jugoslawien hat die deutsche Politik lange Zeit überhaupt nicht reagiert. Vermutlich liegt darin der Grund, daß sie am Ende in eine Führungsrolle geriet, die sie eher widerstrebend annahm. Was also soll an den Deutschen gefährlich sein? Beschränken sie sich nicht vor allem darauf, ihre Insel der Glückseligkeit, ihren Wohlstand, den höchsten Sozialstandard ihrer Geschichte, ihre stabile Mark zu sichern und sich nach Möglichkeit aus allen Händeln dieser Welt herauszuhalten in der Hoffnung, daß die Unwetter andere treffen und uns möglichst verschonen?