Von Anna v. Münchhausen

Hamburg und Mode? Das Hoch im Norden ist nicht verwöhnt, was Spektakel angeht, Düsseldorf und München sind da besser dran, und Berlin strampelt heftig, um Anschluß zu finden. Mag auch das Doppelgestirn Wolfgang Joop und Jil Sander in Pöseldorf residieren und dem stumpfen Zeichenstift eine Kollektion nach der anderen abringen – die wichtigen Kunden und Einkäufer shoppen anderswo. Wozu also hier zeigen, was in der übernächsten Saison dran ist?

Reine Menschenfreundlichkeit muß es gewesen sein, die den selbsternannten Berufspotsdamer Wolfgang Joop bewogen hat, seiner Wahlheimat Hamburg eine Extra-Modenschau zu Füßen zu legen. Ort: das Sanktuarium Hamburger Effizienz, die Börse am Adolphsplatz. Zeit: ein schneekalter Samstagnachmittag. Plitschplatsch stöckeln hohe Absätze durch Eis und Griesel, drinnen dann der erste Schreck. Zwei uniformierte Damen in Schwarz wiederholen ungerührt wie ein Tonband der Bundespost: „Der Veranstalter hat uns leider nicht genug Garderobenraum zur Verfügung gestellt. Wir können keine Mäntel mehr annehmen.“ Die blonde Chefin einer renommierten Modell-Agentur zischt gereizt: „Gibt’s doch nicht!“

Gibt es doch, und sogar noch mehr. Verzweifelt, aber doch hoheitsvoll versuchen die Assistentinnen auf x-fach kopierten Placement-Blättern die VIP-Namen zu entziffern. Wer sitzt wo? Hauptsache vorn am Laufsteg. Die erhöhten Kanzeln, wochentags hanseatischen Maklern vorbehalten, werden im Sturm genommen von feingemachten Gebrauchtwagenhändlern und HSV-Managern, mittlere Ebene. Heute regiert hier nicht die Bank, sondern die Sonnenbank. Männer werfen Männern Kußhände zu, und in der mittleren Loge rechts zieht die schönste Frau des Abends alle Blicke auf sich. Hohe Backenknochen, lackschwarzer Pagenschnitt, streng nach hinten gerafft. Die Wetten stehen fünf zu eins: ein Mann. Sonst noch Promis? Wie man’s nimmt. Iris Berben aus München, Monika Peitsch aus irgendwo und Marlies Möller sowieso. Längs der Rampe ansonsten dutzendfach das kunstgebräunte, hanseatische Gummiband-Gesicht und schiere Klassik – kein verrückter Hut, keine Brillen, null.

Ziemlich spät erscheint, wie immer in schwarz, mit Schleierhütchen und artiger Perlenschnur, als aufmerksamste Besucherin unsere Kollegin von der dpa. Doktor Karla Eckerts Verdienst ist es, für die deutsche Tagespresse seit Jahrzehnten Schau für Schau zusammenzufassen, zu übersetzen und auszuwerten, und jede so affirmativ als sei es die erste. Soviel Wohlwollen wird von allen Designern gern gesehen. Besonders wenn man den Erfolg sucht wie Wolfgang Joop und immer wieder aufgeschreckt wird von gemeinen Meldungen, die mit Mode absolut nichts zu tun haben. Stichwort: Stasi.

Der erste Blick, das erste Bild, und schon entsetztes Tuscheln: Müssen wir wieder lang tragen? Schmale Röcke folgen, unten weites Schlabbern erlaubend, zu kurzen Jacken – gnadenlose Figurnachmaler. Auch weitschwingende Plisseeröcke, Pelzkopftücher als Reprise der immer noch nicht begrabenen Sixties. Dem Hamburger Schmuddelwetter entsprechen Variationen von dunkelblauen Jeansanzügen mit anthrazit und braunem Pelz aufgefrischt. Neun Leben hat die Katze, sagen die Jäger. Die Mode sagt: Tiger, Leopard und Panther haben mindestens doppelt so viele.

Ach ja, auch Herren zeigen herbstliche Klassik. Das breite Kreuz spannt unter Leder, Tweed und Glencheck. Schwere Schnürschuhe betonen ihren entschlossenen Schritt, und auf dem Rückweg blitzt jedesmal das gelbe Preisschild mit.

Für den Abend hat Joop den metallenen Brustpanzer geschmiedet, eine ärmellose Zwangsjacke in Silber, Kupfer oder Gold, seitlich mit breiten Lederriemen geschlossen und wie geschaffen für ein kuschliges Diner à deux. Kommen die ersten Tops uns noch massiv, erlebt das enthusiasmierte Publikum in der Folge eine Metamorphose hin zum Wesentlichen. Das letzte Stück dieser Serie erinnert an einen zierlichen Vogelkäfig, in dem kleine Hühnerbrüstchen derartig hübsch versteckt liegen, daß den oben erwähnten Herren aus den Maklerkanzeln die Züge entgleiten. Triefender Blick, hängende Lefzen, fassungslose Rippenstöße: Mode, so unerwartet schlicht dem Herrenblick entgegenkommend. Dies wird ein Renner. Versprochen.