Eine Reportage von Linus Reichlin

Über eine Kontaktperson lernte ich X kennen. Nachdem ich ihr versprochen hatte, keine Namen zu nennen, vor allem nichts und niemanden zu photographieren, war sie bereit, mich in einen Stall zu führen, mir die Schweine zu zeigen, die dort gemästet wurden. Ich durfte im Auto rauchen; X fuhr schnell und nervös auf schmalen Landstraßen bergan. Sie sagte, was wir vorhätten, sei halblegal, sagte es leise, als sitze der betreffende Bauer hinter uns.

In einer herben, verregneten Landschaft dann plötzlich der Hof; wir gingen zu Fuß weiter, auf einem Schlammpfad, ich trat oft daneben in meinen städtischen Halbschuhen. Jemand, vielleicht ein Knecht, vielleicht Jugoslawe, arbeitete an einem Berg Zuckerrüben; grußlos gingen wir vorbei. Rechts hinab führte der Kuhpfad direkt zum Stall, aber X zog mich geradeaus, sie sagte, wir machen jetzt einen kleinen Spaziergang. Ich hatte den Traktor auch gehört, das war der Bauer, Mäster, mit seinem Fuder auf der Fahrt zum Stall, und wir spazierten in den Furchen zwischen den Stoppelkämmen übers Feld und dann dicht am Waldrand. Ich verkühlte mir die Zehen. Der Bauer, sagte X, rede kein Wort mehr mit ihr, seit sie seine Schweinehaltung kritisiert habe. Seinen Jugoslawen, sagte sie, behandle er auch nicht besser, genehmige ihm alle drei Monate einmal neue Bettwäsche. Da hast du also recht geraten, dachte ich, der bei den Zuckerrüben stammt aus Split. X schaute. Wir sahen, der Traktor entfernte sich, jetzt konnten wir unseren Spaziergang in forschem Tritt, fast Marsch, fortsetzen, also aus der Deckung hervortreten und über den direkten Pfad zum Stall eilen. Die Tür war offen. Hier riechst du es schon, sagte X. Wir standen in einem Vorraum, und ich roch es. Sie sagte: Nicht länger als eine Minute, oder du stinkst. Sie öffnete die Tür zum sogenannten Vormaststall. Darauf hatte ich lange gewartet, vor Aufregung sah ich zunächst gar nichts. Seit Tagen hatte ich vergeblich Mäster angefragt, keiner wollte mir seinen Betrieb zeigen. Beim einen waren es „hygienische Gründe“, andere wollten nie mehr in ihrem Leben einen von der Zeitung im Stall haben, weil doch nur alles in den Schmutz gezerrt, also das Wahrhaftige entstellt, überhaupt das Tier blödsinnig vermenschlicht werde. X schob mich in den Stall, die Schweine purzelten vor Angst übereinander und drängten sich in eine Ecke des Verschlags. Befangen fragte ich, ob es normal sei, dieser Gestank. Natürlich nicht, aber beweg dich langsam, flüsterte X, und sprich leise, und komm jetzt, sonst stinkst du – und schon war ich wieder draußen, und X schmuggelte mich zu ihrem Auto zurück, und ich versuchte herauszufinden, was ich gesehen hatte in diesem Stall.

Nehmen wir ein x-beliebiges Menü 1, Schweineschnitzel, Nudeln. Legen wir das Ohr an den Teller. Wer horchen kann, bekommt eine Geschichte serviert.

Schnitzel wurde heute vor 150 Tagen geboren in einer sogenannten Abferkelbucht als drittes von einem achtköpfigen Wurf. Die Muttersau lag unbequem in ihrem Kastenstand, eng eingegittert auf einem Rost, dem sogenannten Vollspaltenboden über der Jauche. Zum letztenmal richtig bewegt hatte sie sich auf dem Weg in die Deckstation und zurück in die Abferkelbucht. In ihrem Gitter konnte sie weder hin noch her, und weil sie einmal an den Gitterstäben hochgestiegen war, hatte der Ferkelwirt sie mit einem Schultergurt festgezurrt. Die Haut unter dem Kunststoffgurt juckte unerträglich; die Muttersau hatte versucht, sich an den Gitterstäben zu reiben und es auch halbwegs geschafft, um den Preis, daß der Gurt durch den Zug noch straffer saß.

Endlich, ein paar Stunden vor der Geburt löste der Ferkelwirt den Riemen. Die Muttersau scharrte in ihrem Käfig auf dem kalten Betonboden nach Laub und Grasbüscheln, zerrte ein wenig am Eisengitter, um an Äste für den Nestwall zu kommen. Sie hätte ein schönes, mit Farn warm gepolstertes Nest bauen können, aber außer ihrem eigenen Kot fand sie nichts im Verschlag, nicht einen Strohhalm. Der Ferkelwirt fand es besser so, Stroh verstopfe nur die Spalten, der Kot fließe nicht richtig ab, Unhygiene sei die Folge.

Schnitzel wurde also auf einen eisernen Kotrost geboren, verschnaufte ein bißchen und kraxelte dann stracks über die Hinterbeine der Muttersau zum Warmen, Weichen, wo es sich festsaugte. Die Nachgeborenen kamen, es wurde enger, aber erst nach drei Tagen begann das heillose Drücken und Drängen, der Streit um die vordersten Zitzen. Schnitzel mußte jetzt seine Stammzitze verteidigen und war gottlob kräftig genug und erfolgreich. Wenn es satt war, war es auch müde und schlummerte Flanke an Flanke mit den anderen unter der Wärmelampe, bis die Muttersau wieder zu den Zitzen lockte mit einem unwiderstehlichen Laut.