Im Jahre 1535 entdeckte der italienische Mathematiker Niccol Tartaglia eine wichtige Formel. „Damals kam es häufig vor“, schreibt Isaac Asimov in seinem Buch „Das Wissen unserer Welt“, „daß Mathematiker ihre Entdeckungen für sich behielten und damit prahlten, Probleme lösen zu können, an denen andere scheiterten.“ Tartaglias Kollege Geronimo Cardanoentlockte diesem jedoch die Formel und veröffentlichte sie. Das war zwar unverschämt, aber Cardano verhalf damit dem neuen Prinzip zur Geltung, daß wissenschaftliche Entdeckungen der Allgemeinheit gehören. Asimovs trockener Kommentar: Der Schaden für Tartaglia wurde durch den Nutzen für die Welt bei weitem aufgehoben.

Das ist Wissenschaftsgeschichte. Isaac Asimov hat es gewagt, eine Chronologie der „Erfindungen und Entdeckungen vom Ursprung bis zur Neuzeit“ aufzuschreiben – deshalb ein Wagnis, weil es viele solcher Kompilationen gibt. Diesmal freilich entstand kein Sammelsurium und kein betulicher Almanach, sondern ein Schmöker im besten Sinne. Es macht ganz einfach Spaß, durch die mehr als 600 Seiten zu streifen, vor und zurück, und dem Abenteuer des menschlichen Wissens zu folgen. „Freud“, erfahren wir, „schaffte es immer wieder, mit Kollegen in Streit zu geraten. Mit der Zeit entwickelten diese Kollegen eigene Richtungen und erweiterten die psychoanalytische Lehre durch neue Theorien“ – so muß es gewesen sein.

Da Asimov von Haus aus Biochemiker ist, spielen die so wichtig gewordenen Life Sciences eine hervorgehobene Rolle. Erfreulicherweise kommt aber die Mathematik nicht zu kurz. Vertrackte Gebiete wie die Unschärfe-Relation oder die Thermodynamik werden anschaulich erklärt, und ganz nebenbei erfahren wir, wann die Gabeln und der Dampfkochtopf erfunden wurden. Einige der aktuellen Wissenschaftsthemen fehlen freilich, zum Beispiel Fraktale, Chaos-Theorie oder Selbstorganisation.

Das Kompendium konzentriert sich auf Naturwissenschaft und Technik, wobei Hinweise zur Geschichte dem Leser dabei helfen, sich die Entwicklung vorzustellen und sie nachzuvollziehen. Es schadet auch nichts, daß dem Autor die Geschichte der Vereinigten Staaten besonders am Herzen liegt, schließlich ist sie interessant genug. Und er vergißt auch nicht, deren dunkle Stellen wie My Lai und Watergate miteinzubeziehen.

Manchmal allerdings entgeht Asimov, daß eine Technik anderswo zuerst da war: Unter der Jahreszahl 1940 heißt es, das Fernsehen habe „bislang nur als Laborexperiment“ existiert – falsch. Ab 1936 wurden in Deutschland und England regelmäßig Fernsehsendungen ausgestrahlt. Die ersten Computer, von Konrad Zuse Ende der dreißiger Jahre gebaut, bleiben gleichfalls unerwähnt. Und der britische Computer-Pionier Alan M. Turing hat keineswegs erst im Jahre 1950 unter dem Eindruck der „allgemeinen Computer-Faszination“, wie Asimov schreibt, sein bahnbrechendes Modell einer allgemeinen Rechenmaschine entworfen, sondern bereits 1937. Informationstheorie und Informatik sind auch an anderen Stellen merkwürdig ungenau beschrieben – doch wer wollte verlangen, daß ein derart viele Gebiete umspannendes Lesebuch frei von Schwächen sei.

Asimov vermittelt Lust am Wissensgewinn und an der Aufklärung. Der seit Jahrzehnten beliebte Science-fiction-Autor ist ein engagierter Anti-Ockultist, und er läßt es sich nicht nehmen, Astrologie einen „kompletten Unsinn“ zu nennen, an den bloß „ungebildete, naive oder einfach nur törichte Menschen“ glauben. Das ist salopp formuliert, warum auch nicht.

Größere Kinder, Jugendliche und neugierig gebliebene Erwachsene werden ihr Vergnügen an Asimovs Buch finden und eine Menge Neues lernen. Gero von Randow