Molkereien

Von Klaus Wittmann

Es gibt in Deutschland kaum einen Supermarkt, in dem keine Produkte von Müller-Milch in den Kühlregalen stehen. Die schwäbische Großmolkerei hat 1990 mit ihren Erzeugnissen 508 Millionen Mark Umsatz erzielt. Im vergangenen Jahr waren es nach Firmenangaben sogar über 700 Millionen Mark, davon entfallen alleine auf die neuen Bundesländer 100 Millionen Mark.

Doch anders als früher wird Molkereimeister Theobald Müller daheim nicht mehr als Umsatz-Rekordmeister gefeiert: Er muß sich vielmehr als Umweltsünder und "Weltmeister im Schwarzbauen" (so Raimund Kamm, Grünen-Abgeordneter im bayerischen Landtag) bezeichnen lassen. Die Gründe: Die Molkerei Alois Müller GmbH & Co. hat laut bayerischem Innenministerium eine ganze Serie von Schwarzbauten errichtet, sie liegt darüber hinaus im Clinch mit dem bayerischen Umweltminister, weil sie partout kein Pfand auf ihre Blutorangen-, und Multitvitamin-Drinks erheben will. Und nun muß die Molkerei wegen rechtswidriger Mehrentnahme von Grundwasser auch noch 375 000 Mark Bußgeld zahlen (siehe Manager und Märkte Seite 40).

Doch während Müller-Milch nach all den Verstößen in Westdeutschland inzwischen mit Argusaugen beobachtet wird und die Behörden gehörig die Zügel angezogen haben, agiert das Unternehmen in Ostdeutschland bislang beinahe unbehelligt. Im Freistaat Sachsen jedenfalls setzt das Unternehmen neue Zeichen. Für die Molkerei aus dem Landkreis Augsburg ist Sachsen offensichtlich das Aktionsfeld der Zukunft, nachdem die zunächst geplante Ansiedlung im Raum Neuruppin in Brandenburg nicht zustande kam.

Der Deal im Norden Berlins scheiterte nach Auskunft von Joachim Kretschmer, Leiter des Landwirtschaftsamtes in Neuruppin, allerdings an Müller-Milch selbst. Denn während die Molkerei-Konkurrenz aus Berlin den Bauern 55 bis 56 Pfennig pro Liter Milch bot, wollte Müller nur 48 Pfennig zahlen. Und Jens-Peter Golde, zweiter Bürgermeister von Neuruppin und Dezernent für Wirtschaftsförderung, wirft der Firma Müller gar "unseriöse Geschäftspraktiken" vor. So seien in Brandenburg zwei weitere Standorte in der engeren Wahl gewesen. Golde: "Die haben versucht, uns gegeneinander auszuspielen." So habe Müller gefragt, wie heiß das Abwasser sein dürfe, nicht jedoch, was für die Umwelt zumutbar sei. Den Grundstückspreis habe die Firma auf ein Viertel dessen drücken wollen, was die Gemeinde dafür gezahlt habe.

Kaum war Brandenburg gescheitert, schickte sich Müller an, den sächsischen Markt zu erobern. Doch als im September 1991 das sächsische Landwirtschaftsministerium in einer Presseerklärung mitteilte, daß Müller die Molkerei Chemnitz gepachtet hat, ahnte kaum jemand etwas von der neuen Entwicklung. Die Anpachtung der Chemnitzer Molkerei durch Müller-Milch war zunächst auch schwer einzuordnen. Als dann allerdings im November bekannt wurde, daß Müller auch die Mittelsächsischen Milchwerke gepachtet hat, war klar, daß das Bundesland Sachsen an Stelle von Brandenburg treten sollte. Rund fünfzig Prozent der gesamten Müller-Milch-Erzeugnisse könnten einmal in Sachsen hergestellt werden. In Leipzig ist der Neubau einer Molkerei samt Becherwerk geplant. Die Müller-Ankündigungen zur Zahlung eines Höchstpreises für Milch war von den sächsischen Bauern denn auch lautstark begrüßt worden. Für die Belegschaft der Mittelsächsischen Milchwerke freilich kam es ganz anders. Vierzehn Tage nachdem Müller die Mittelsächsischen Milchwerke mit. Molkereien in Mügeln, Dahlen, Oschatz und Torgau gepachtet hatte, wurde den Mitarbeitern aus heitrem Himmel gekündigt.