Von Dieter E. Zimmer

Ein „Leseland“! Die Urheberschaft an dem stolzen Schlagwort scheint Hermann Kant zu beanspruchen. „Es wird mir jetzt immer nachgesagt, ich habe gefrevelt mit dem Begriff Leseland“, erklärte er neulich einem Interviewer: „Ich wiederhole in aller Deutlichkeit: Die DDR hatte sich diesen Namen durchaus verdient.“

So sah Honecker es auch. „Mit vollem Recht“, erklärte er auf der SED zehntem Parteitag, „können wir von der DDR als einem ‚Leseland‘ sprechen.“ Und Klaus Höpcke MdL, einst sein sogenannter Literaturminister, sekundierte: „... die Fähigkeit zu lesen [wird] immer mehr zur Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung im entwickelten Sozialismus. Jener starke Leistungswille, jene hohe Leistungsbereitschaft und schöpferische Leistungskraft, die in einem jeden zu wecken zum persönlichen Wohlbefinden der einzelnen führen und dem Fortschritt der Gesellschaft nützen wird, ist nur erreichbar, wenn noch mehr Menschen als bisher schon lesen ... Während wir so in unserem als ‚Leseland‘ treffend charakterisierten sozialistischen Staat uns von Kinderkrippe ... bis ins Rentenalter um die Erhöhung des Kulturniveaus von immer mehr Menschen ... kümmern, sieht sich ... das BRD-Blatt .Frankfurter Allgemeine Zeitung‘ ... zu der Überschrift gezwungen ‚Lesen will heute niemand mehr’.“

Wir in dem Land namens Hüben glaubten den Funktionären vielleicht die Deutung nicht (dreimal Leistung, einmal Wohlbefinden und Fortschritt), aber das Faktum an sich, das erkannten wir irgendwie an: wir die fetzigen Genußmenschen, sie die braven Leser. In unserer Vorstellung hatte die DDR auch ein rührend Spitzwegsches Air: Ein Volk im materiellen Mangel saß da im Braunkohlenrauch seiner Kachelöfen und im Schummerschein seiner Tütenlampen über die Klassiker gebeugt, die des Marxismus-Leninismus vielleicht nicht so sehr, aber über die anderen, saß still da und befleißigte sich.

Und da wollte nun das Bundesinnenministerium, sobald es das konnte, der Sache auf den Grund gehen, erteilte Frau Noelle-Neumann einen Auftrag, und die stellte trocken fest: Im Juli 1991 gaben in Westdeutschland 53 Prozent der Leute an, öfter einmal ein Buch zu lesen, in Ostdeutschland aber nur 46.

Kants, Höpckes, Honeckers „Leseland“, Johannes R. Bechers „Literaturgesellschaft“ – eine Wortblase mehr, die nun geplatzt ist? Nichts als eine weitere rhetorische Figur in einem System, das ganz auf Rhetorik beruhte, das seine Defekte und Brüche durch eine so pathetische wie sklerotische Rhetorik übertünchte? Das sich also unentwegt selber in die Tasche log? Das das gesagte, geschriebene oder auch nur gedachte Wort darum auch ungemein ernst nahm, denn es mußte ja wenigstens die rhetorische Fassade in sich konsistent gehalten werden?

Nein, ganz aus der Luft gegriffen war es nicht. „Leseland“ zwar war Rhetorik. Aber es traf zu, und diese Ehre muß man ihr lassen: In der DDR lasen eine Menge Leute eine Menge Bücher. Hundertvierzig Millionen Bücher jedes Jahr brachte die DDR unters Volk, pro Kopf fast neun. Vergleichszahlen für Westdeutschland gibt es nicht. Wenn man sich jedoch behilft und den Gesamtumsatz des Buchhandels durch die Durchschnittsladenpreise teilt und das Ergebnis auf die Einwohnerzahl bezieht, kommt man pro Kopf auf gut sechs. Mancher wird einwenden, die Differenz bedeute wenig – ein großer Teil der Bücher in der DDR sei so öde gewesen, daß er zwar vorhanden war, aber niemals gelesen wurde. Aber dann gibt es noch die Bibliotheksstatistik. Entleihen wird jemand ein Buch ja nur, wenn er zumindest vorhat, es tatsächlich zu lesen. Und da wurden in Ost-Berlin zu DDR-Zeiten pro Kopf der Bevölkerung im Jahr 7,1 Bücher aus den öffentlichen Bibliotheken entliehen; in West-Berlin aber 5,8. 92 Prozent der Ostdeutschen sagen denn auch, sie hätten schon einmal ein Werk von Goethe gelesen; im Westen sind es nur 78. Es war also schon etwas dran.