Keine Spur von schmalen Gedichtbändchen. Lyrik für Kinder wird repräsentabel verpackt – im wörtlichen Sinne. Dazu die passenden Illustrationen: entweder flink, witzig, mit einem gehörigen Schuß Nonsens, oder säuselnd süß, Flaum statt Flausen. Solche Grobeinteilung weist Ute Andresens Anthologie schon über die Bilder sichtbar der letzten Kategorie zu. Daß ihr Gedichtband, perfekt gestylt, ein bißchen an eine gediegene Pralinenschachtel erinnert, dafür zeichnet Dieter Wiesmüller verantwortlich, ein Meister des Streiflichts; hyperpräzis, mit Rötelstift – extra weich auf körnigem Papier – modelliert er soft line-Dekors. Kitsch? Ja, auch, und doch wird des Wanderers Einsamkeit auch zur surrealen Öde. Die wolkig-weiche Verpackung legt auch, schwierige Emotionen frei – je nach Wahrnehmungsschärfe des Betrachters.

„Im Mondlicht wächst das Gras“. Schon der Titel verweist auf eine Poesie, wie sie heute vornehmlich triviale Meditationsbücher füllt. Und wirklich wird da „einhergegangen“, ist die „Wolkenwand veilchenblau“, und „milder Schein“ reimt sich auf „Äugelein“. Geht es um Anbiederung bei einem Elternpublikum, das nie über Gartenlauben-Lyrik hinaus las? Dafür fehlen zu viele der bekannten Rührstücke. Zwar finden wir Texte von Matthias Claudius bis Theodor Storm, aber Hans Arp, Wolfgang Borchert, Günter Eich und Günter Bruno Fuchs schieben sich dazwischen, mit Widerhaken, vertrackten Momenten und Trotz-alledem-Hoffnungen.

Spürbar sucht die Herausgeberin nach Geborgenheit. Aber sie bietet sie nicht einfach an. Vor allem sucht sie und wird sympathischerweise wohl immer auf der Suche bleiben. Daß ihr lyrischer Reiseplan die Kinder ins Grüne führt, daß Poesie hier fast ausschließlich mit Natur verbunden wird, darin scheint mir das augenfälligste Handicap von Andresens Auslese zu liegen. Die Stadt glänzt nicht im Mondlicht, sie glänzt durch Abwesenheit.

Indes, die Sache ist nicht so einfach. Das Urdilemma der Reformpädagogik leuchtet auf; erst „vom Kinde aus“ entscheidet sich, in welcher Richtung das Bewährte aufgenommen wird. Und Ute Andresen präsentiert die Idylle nicht als Ziel. Die unalltägliche Form läßt alle Reaktionen zu: die Ablehnung, das Innehalten wie das Weiterspinnen.

Woher dieser Optimismus? Die Münchner Grundschullehrerin hat nicht nur höchst erfrischende Schultagebücher veröffentlicht („Das erste Schuljahr“, „Das zweite Schuljahr“). Sie hat in „So dumm sind sie nicht“ (1985, 4. Auflage 1991) ihr Credo, ermutigende Gedanken über die „Würde der Kinder in der Schule“ formuliert, und auch der Titel „Versteh mich nicht so schnell“ ihres Begleitbandes zum „Mondlicht“, der erst dieser Tage im Buchhandel (Verlag Beltz Quadriga, Weinheim/Berlin)) erscheint, läßt ahnen, daß es um mehr geht als abgesichertes Bildungsgut – nämlich die individuelle Erfahrung von Gedichten.

Und so dominieren im „Mondlicht“ Endreime und klarer Rhythmus nicht als sturer Formenkanon, sondern eher als Anknüpfung an Vertrautes. Die großzügige Gestaltung vermittelt Zugänglichkeit, und auch die Widmung sucht nach Nähe: „Es gibt Menschen, die wissen, was du siehst und hörst, was du denkst und fühlst, was dich froh macht oder traurig, was du hoffst und fürchtest. Sie finden Worte, es zu sagen. Und du begegnest ihnen in einem Gedicht, das dich versteht.“

Emotionale Sicherheit als Auswahlkriterium? Doch Andresen hat mehr vor. „Nüssebewispern“ (Gottfried Benns Schimpfwort für Naturlyrik) ist für Andresen ein Ort der leisen Wahrnehmung. Das Absichtslose wird bedeutungsvoll, das Zweckfreie sinnvoll.