Ein bildschönes Mädchen. In der Tat. Und so rot das Kleid und der Hut und der Mund. Und so süß der Name, Rose. Da schweben die Wünsche von Oma und Mama in einer ganz rosigen Zukunft voll reicher Prinzen und schöner Kleider. Nur die Rose will nicht. Sie strebt nach Besserem: Sie will sie selbst sein.

Daß dies für ein mit Schönheit und hoffnungsvollen Eltern vorbelastetes Mädchen nicht so einfach ist, zeigt Tony Ross in seinem neuen Bilderbuch „Rose Übermut“. Aber es ist (ihr hübschen Mädchen mit ehrgeizigen Mamis!) zu schaffen. Nur Mut! Oder Übermut!

Rose wird rigoros. Sie behauptet, sie könne von Mauern fliegen und wie ein russischer Kosake auf der Fahrradlenkstange tanzen – und tut es auch. Natürlich müssen die Wunden genäht werden. Doch zur Belohnung stöhnt die Omi und fürchtet schon um den ersehnten Traumprinz. Klar, daß Rose noch ein bißchen zulegt.

Rose ist so übermütig wie Ross ideenvoll und genial. Mit zügellosem Tempo, gespickt mit grotesken Details, zeichnet er – seiner Heldin zum Beweis –, daß sie zwar schön ist, jedem erträumten Mutterprinzen aber ein Entsetzen sein muß. Sie baumelt an den Schuhbändern vom Wolkenkratzer. Und was sehen wir? Einen unschuldigen Büroraum, der Sekretärin verhaken sich die Finger über der Schreibmaschine, ihr großkulleriger Blick schweift zum Fenster, auf die Wolkenkratzer draußen und eine kopfüber hängende Rose mit fallendem roten Hut. Mit bleibeschwerten Stiefeln versucht sie auf dem Wasser zu gehen. Und wir sehen: eine dicke, unbeteiligte, schwarzweiß gescheckte Kuh auf einer Wiese, eine gestreifte Katze, die verwundert nach vorn, aufs Wasser, glotzen. Von Rose nur den roten Hut.

Es kommt noch dicker. Rose schluckt Feuer, Schwerter und Stachelschweine, raucht fünf Zigarren auf einmal und landet endlich dort, wo solcher Übermut endet, aber keine Tony-Ross-Geschichte zu Ende ist: im Krankenhaus. Mit schwungvollem Strich läßt der Zeichner die kleine Rose am Lampenkabel durchs hellgelbe Krankenzimmer schwappen und schließlich mit Lampenschirm als Hut auf dem Schrank sitzen. Und die Eltern? Die liegen krank vor Enttäuschung unten im Bett und bejammern, daß ihr hübsches Kind es nie, nie, nie zu einem Prinzen bringen wird. Na bitte.

Nun darf es gleich vorbei sein, Rose träumt nur noch ihren eigenen Traum von einer rosigen Zukunft. Da lächelt sie und ist wirklich wundervoll. Brigitte Jakobeit

  • Hiawyn Oram/Tony Ross: