Von Jürgen Dahl

Sie habe mit Vergnügen gelesen – schrieb die Garten-Freundin –, daß ich den Pastinak im Garten hätte; in ihrem Garten lebe nämlich die Pastinake, und da könne man doch einmal ausprobieren, was dabei herauskäme, wenn man die beiden zusammenbrächte.

Natürlich war das eine feine Spitze und sollte besagen: ich wüßte wohl nicht, daß die Pastinake weiblichen Geschlechtes sei. Also her mit dem Grimm!

Es gibt als Ursprung das lateinische pastinaca – ein klarer Punkt fürs Femininum. Aber dann kommt Unruhe in die Sache: Althochdeutsch heißt es sowohl die pastinaga als auch der pastinac, mittelhochdeutsch die pasternacke und der pasternack – und so bleibt es dann bis auf den heutigen Tag mit Palsternak und Pestnache, Pastenach und Pastenei, Pinsternacke und Pastenade, in Leipzig sogar Basternade mit weichem P – und dies alles männlich und weiblich wild durcheinander, himmelschreiende Promiskuität, wollüstige Unordnung.

Die sollen mir recht sein, aber ich bleibe doch beim Pastinak, aus reiner Gewohnheit. Es dürfen sich aber von diesen stattlichen Männern in diesem Jahr nicht mehr so viele emporrecken wie im vorigen Sommer, denn die Wurzel schmeckt, allen naturgärtnerischen Gerüchten zum Trotz, doch weit weniger gut als die Möhre, und fürs Dekorative reichen fünf oder sechs Pflanzen, deren grüngelbe Blütendolden freilich wirklich einmalig sind und übrigens zusammen mit Sonnenblumen in der Vase ein Ereignis, das noch die Welke überdauert. Was aber das Männliche und das Weibliche angeht, so ist der Garten ja von jeher ein Ort ihrer Begegnung gewesen. Längst ehe man im kühlen Abendland die ganze Sinnlichkeit des Gartens auch nur erahnt hatte, wurde sie im Morgenland als immerwährendes Fest begangen: der Garten als Symbol der Frau, als Sinnbild für die Liebe und das Vergnügen daran, und ganz real: der Garten als Ort der Vereinigung, beglaubigt durch die Bibel (Das Hohelied Salomonis, Kapitel 4 – nachlesen und jemandem vorlesen!).

Und später dann die sanfte Widersetzlichkeit, mit der sich die verführerische Idee des Liebes-Gartens auch im christlichen Abendland erhielt, obwohl die Kirche den Garten gern gelegentlich als einen Ort des fleischlichen Sündigens verdächtigte. Der heilige Hieronymus wetterte gegen die zur Lust verführenden Gärten, und von einem Eremiten heißt es, er sei, an der Himmelstür angekommen, auf der Tugendleiter wieder ein paar Stufen hinuntergerutscht, weil er sich noch einmal nach seinem geliebten Gärtchen umgesehen habe. Aber am Niederrhein gab es einen anonymen Kupferstecher, der so viele Liebesgärten gestochen hat, daß er unter dem Namen "Meister der Liebesgärten" in die Kunstgeschichte eingegangen ist, und in der Manessischen Handschrift wird sogar im Garten gebadet, das heißt, 1 Herr badet, und 3 Damen sorgen sich um ihn.

Bei uns steht kein Badezuber im Garten, aber es stehen dort viele Bänke und Stühle, auf denen sich das männliche Element, der Gärtner, mit dem weiblichen, der Gärtnerin, in Züchten zusammenfindet. Manchmal. Wir haben nämlich zwei Gärten, und jeder arbeitet in seinem. Die Gärtnerin hegt Gemüse und allerlei Blumen, der Gärtner ist für die Botanik zuständig, ob sie eßbar oder schmückend ist oder keins von beidem.