Von Rainer Frenkel

Schwierige Fragen zu beantworten, ist nicht einfach. Sonst wären sie nicht schwierig. Daraus zu schließen, einfache Fragen beantworteten sich leicht, wäre falsch.

Die Frage heute lautet: Was ist real? Ist sie einfach oder schwierig? Eindeutig: einfach. Also leicht falsch zu beantworten. Da böte es sich an, einen semantischen Diskurs zu führen. Germanisten könnten einen Kongreß veranstalten und dazu – im Sinne interdisziplinärer Abrundung – ein paar Altphilologen einladen. Zur Klärung der etymologischen Wurzel des Worts: „Real“ – dinglich, sachlich, tatsächlich – entstammt dem spätlateinischen realis, das wiederum dem lateinischen Wort res, die Sache, entsprang. Das Ergebnis gemeinschaftlichen Nachdenkens wäre ein Protokoll, unterschrieben von einem Protokollführer, versandt an die Kongreßteilnehmer – und damit Anlaß zu neuem Streit.

Da das niemand wollen kann, wird um diese Frage gegenwärtig ein Prozeß geführt. Vordergründiger Gegenstand des Verfahrens ist die letzte Kommunalwahl der DDR, im Mai 1989. Das war also zu jener Zeit, als dieses real existierende Phänomen noch lebte und mit ihm gewiß phänomenal zu nennende Wahlergebnisse von 98, 99, fast hundert Prozent.

Gefälscht worden sei diese letzte Wahl, so sagen die Ankläger. Ohnehin Falsches lasse sich nicht fälschen, antworten die Verteidiger. Dabei bauen sie auf die anthropologisch begründete Unwahrscheinlichkeit, Menschen könnten, wirklich vor die Wahl gestellt, fast alle einer Meinung sein. Auf Sand gebaut. Auf ostelbischen Sand, da, wo der real existierende Sozialismus sein Leben ausgehaucht hat, nicht aber seine Sprache.

Zunächst klingt alles ganz harmlos. „Reale Wahlen“ habe er veranstalten wollen, sagt ein Angeklagter. Also mit echten, ungefälschten Ergebnissen, tatsächlich dem Wählerwillen folgend? Nein, so einfach ist das eben nicht.

Erste Zweifel an dieser Interpretation erheben sich, als ein Zeuge davon spricht, es sei ein „bestmögliches reales Wahlergebnis“ zu erzielen gewesen, folglich gibt es bessere und schlechtere Zahlen, die gleichwohl alle „real“ sind.