"Polen an Deutschland":

Von Rolf Michaelis

Am 2. April ist es soweit. Da wird der neue Großflughafen Warschau eingeweiht, gebaut von der Firma Hochtief in Essen. Was soll uns das im Feuilleton? Da schreitet der Erzähler Andrzej Szczypiorski ("Die schöne Frau Seidenman") ans Rednerpult. Weshalb nicht? Der Mann sitzt als Senator im polnischen Parlament. Dann tritt der polnische Regisseur Andrzej Wajda auf und stellt mit Schauspielern eine Szene der Tragikomödie "Wesele" (Die Hochzeit, 1901) von Stanislaw Wyspianski (1869-1907) vor – für Polen fast so etwas wie ein National-Drama, das Wajda, wir erinnern uns gern, eindrucksvoll verfilmt hat.

Dann löst sich aus dem Schatten – wer? Das ist doch Peter Stein. Hier, in Warschau, auf einer Großbaustelle von Industrie, Politik, Luftfahrt und Tourismus, zeigt er – in Wajdas Einstudierung mit deutschen Schauspielern – Szenen aus Wyspianskis dreiaktigem Vers-Drama, mit dem er bei den Salzburger Festspielen seine Arbeit als verantwortlicher Direktor des Schauspiels neben dem künstlerischen Leiter Gerard Mortier beginnen wird.

Ein trauriger Pole philosophiert immer.

Aleksander Świetochowski, 1849-1938

Schönes Vorspiel für das neue Salzburg unter Mortier und Stein in Warschau. Wie und wo könnte besser gezeigt und verstanden werden, was die neuen Leiter mit Öffnung der Festspiele nach Osten meinen, in die verschollene, fast vergessene Kultur-Region Ost-Europas, die jahrhundertelang selbstverständlich zum Reich der Habsburger gehört und deutsches Geistesleben bereichert hat.