Sie sind Mutter und Tochter, aber nur wenig miteinander verwandt. Florence liebt alles, was rot ist. Soledad ist fast immer in Weiß gekleidet. Rot ist die Farbe der Liebe, man kennt es längst. Weiß aber ist eigentlich gar keine Farbe und im Grunde so undurchdringlich wie Schwarz. Wie die Nacht und das Morgengrauen.

Der erste Auftritt gehört Florence. Er findet im Theater statt. Dort soll „Othello“ gespielt werden. Der Vorhang aber bleibt geschlossen. Wegen Florence, die nun, mit heißem Lächeln und entblößter Schulter, zu ihrem Sitzplatz eilt und dem empfindsamen Kritiker an ihrer Seite süße Worte zuflüstert. Er ist hingerissen. „Ich war in einer Gondel in Venedig ... mit Florence“, stammelt er begeistert. Und gesteht verschämt: „Ich wurde erregt.“ So ungefähr beginnt die Geschichte von Florence – und man spürt gleich, daß sie kurz und lustig sein wird.

Soledad aber steht am weiten Flußufer. Jetzt ist sie wieder nüchtern, die Nacht ist beinahe vorüber. Sie schaut auf die andere Wasserseite und rührt sich kaum von der Stelle. Man erkennt keine Farben – nur fahles Licht und Schatten: den grauen Schnee unter ihren Füßen, blaßblaue Nebelschwaden und in der Ferne ein paar Großstadtlichter. Still ist es. Die Stille aber tönt. „Es klingt wie in einer Kathedrale“, sagt Gaston, der ein wenig abseits die Trompete bläst. Dazu hört man Schiffssirenen und Möwengeschrei. „Ich habe Heimweh nach Montreal“, hatte der Jazztrompeter gesagt, als er noch in Cleveland/USA war. Er hatte Heimweh nach diesem sonderbaren Ort, nach dunklen Nächten und farblosen Tagen. Und nach Florence und Soledad.

Florence (Louise Marleau) und Soledad (Charlotte Laurier) sind Rivalinnen. So heißt auch die traurig-beschwingte Winterkomödie des Kanadiers André Forcier. Sie spielt in Montreal, hinter roten Backsteinmauern, auf verschneiten Straßen und am Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms. Und sie ist keineswegs eine Dreiecksgeschichte, sondern ein heftiges Liebesspektakel, veranstaltet von zwei Frauen und ihren unzähligen Liebhabern. Florence ist die Umschwärmtere. Ihre Liebe ist nicht von Dauer, ihre Opfer sind schnell vergessen. Dafür folgen sie ihr nun überallhin und frieren gemeinsam in der Kälte, starren schweigend in die Höhe, dorthin, wo Florence sich gerade einer neuen Neigung hingibt. Während oben schwer geatmet wird, wird unten gemeinsam gestöhnt und geseufzt. Das ist zwar ein wenig absurd, aber auch schreiend komisch.

Florence wird begehrt. Von allen, nur nicht von Gaston (Jean Lapointe). Gaston liebt lieber Soledad. Und Soledad liebt Tibeau (Jean-Frangois Pichette). Tibeau ist Othello und auch sonst ganz wie der edle Mohr, ein rechter Langweiler eben. Natürlich wird er eifersüchtig, natürlich darf auch er sich noch erhitzen, darf endlich Mann und Mensch sein, den Verstand verlieren und auf der Bühne Hand anlegen. Erst tötet er Gaston und dann sich selbst. Das ist zwar ein wenig albern, aber auch ziemlich unwahrscheinlich.

„Rivalinnen“ ist ein seltsamer Film. Auf Festivals (Montreal 1990, Hof 1991) wurde er geiiebt und bestaunt, einen Preis allerdings erhielt er nicht. Vielleicht weil er nur ein wunderbares Fragment ist. Eine verunglückte Parallelmontage, die auf keinen Höhepunkt zusteuert. Mal ist man bei Soledad, mal bei Florence. Kunstvoll werden Schauplätze und Liebhaber getauscht. Und alles geschieht in einem atemlosen Tempo. Kaum hat der Film begonnen, da ist er schon zu Ende.

Die Schlußszene ist meisterhaft und spielt auf einem Friedhof. Beerdigt werden Gaston und Tibeau, ein alter Trompetenvirtuose und ein schwacher Schauspieler. Immerhin, sagt sein Regisseur abschließend, widerfuhr ihm der „Traum eines jeden Komödianten, der allergrößte sogar: Er starb auf der Bühne.“ Sogleich hebt Wehgeschrei an, das in eine wüste Massenschlägerei mündet. Schüsse fallen, es wird viel gelacht. Verletzt wird niemand. Und manch ein Paar nutzt die Deckung hinter einem Grabstein für sein Liebesspiel.

Und Florence und Soledad? Die beiden Rivalinnen sind längst verschwunden. „Du hast nichts verloren, Mama. Er liebte dich ja eh nicht“, hatte Soledad noch gesagt. Wo aber nicht geliebt wird, muß auch nicht gezittert und getrauert werden. Deshalb heißt der Film auch nicht „Rivalinnen“, sondern „Une Histoire Inventee“: „Eine erfundene Geschichte“. Nicht bei uns, sondern im fernen französischen Kanada. Wo es immer schneit, die Nächte rötlich glühen und ein Tag dem anderen gleicht. Ulrich Herrmann