Dublin, im Februar

Karikaturisten, Kabarettisten und Kolumnisten erwägen die Emigration, düstere Ahnungen plagen die Iren. Der unrühmliche Abgang des 66jährigen Premierministers Charles Haughey beraubt den irischen Alltag seiner Würze. Das neben dem Wetter beliebteste Konversationsthema, die Politik, ist plötzlich schal geworden.

Niemand verstand sich auf die Kunst der Polarisierung so gut wie Haughey. Seine schillernde Persönlichkeit schied die Iren zwanzig Jahre lang in bedingungslose Jünger und zu allem entschlossene Teufelsaustreiben. Die einen nannten ihn mit feuchten Augen Charlie; die anderen prophezeiten einen irischen Mussolini. Dabei wurde meist übersehen, daß das Objekt der Faszination sich immer davor gehütet hatte, seine politischen Überzeugungen offenzulegen. Die Unterstellung, er habe gar keine, bleibt bis heute unwiderlegt.

Der am Schluß politisch vereinsamte und skandalumwitterte Premier kündigte in der vergangenen Woche seinen Fraktionskollegen das bevorstehende Ende der Haughey-Ära an. Mit keinem Wort erwähnte er, daß er sich einem Ultimatum seines kleineren Koalitionspartners beuge, mit keiner Silbe ließ er erkennen, daß er über eine alte Abhöraffäre aus dem Jahre 1982 gestolpert war, weil einer seiner diskreditierten Paladine ausgepackt hatte. 84 Parlamentarier von Haugheys Fianna-Fáil-Partei hielten anschließend kleine, vorbereitete Lobreden und strickten an der künftigen Legende. Kein einziger nannte die unappetitlichen Begleitumstände, die Haugheys Amtsverzicht erzwungen hatten, beim Namen; kein einziger zeigte seine Erleichterung darüber, daß Haugheys verwittertes Antlitz nie mehr ein Wahlplakat zieren wird. Das war Fianna Fáil in Reinkultur: der Triumph der Form über den Inhalt, die Hoffnung, daß man Probleme löst, indem man sie totschweigt.

Die Verdrängung des Unangenehmen zugunsten eloquenter Artigkeiten ist ein Grundmuster der irischen Politik. Die irische Neutralität ist unantastbar; aber ein vereintes Europa werden sie irgendwann einmal verteidigen helfen. Nordirland ist Teil des irischen Staatsgebietes, aber mit dem Vollzug dieses territorialen Anspruchs wird zugewartet. Unerwünschte Schwangerschaften werden in England beendet, damit die irische Verfassung dem Papst gefällt. Wer ein Kondom kaufen will, muß wahlberechtigt sein, aber Sechzehnjährige dürfen heiraten.

In der Kunst der kreativen Zweideutigkeit war Charles Haughey ein Meister. Er konnte die angeblichen „Kernwerte“ seiner Partei in ihr Gegenteil verkehren, wenn das seiner persönlichen Ambition förderlich erschien. Pragmatismus war sein kategorischer Imperativ. Trinkgelage und Frauengeschichten begleiteten seine Karriere.

Als Haughey 1987 zum dritten Mal in seiner 35jährigen Politiker-Laufbahn eine Regierung bildete, übernahm er in der Wirtschafts-, Nordirland- und Europapolitik die Programme der Opposition, die er während des Wahlkampfes noch gegeißelt hatte. Er sparte, statt anzukurbeln, er akzeptierte das angloirische Abkommen, statt es neu auszuhandeln, er erleichterte die Auslieferung mutmaßlicher IRA-Leute an Nordirland und empfahl den Iren die europäische Einheitsakte zur Annahme, obwohl er sie zuvor verdammt hatte. Die Opposition war fassungslos ob dieser schwindelerregenden Pirouette.