Von Reiner Luyken

Die Sensation ist perfekt. Die auflagenstärkste Zeitung Großbritanniens ruft zum Umsturz auf. Im Laden ist kein Exemplar mehr zu haben. Vor dem Laden-stehen Männer in Gruppen und debattieren. Der Postbote unterbricht seine Runde, stellt den Motor ab und lauscht am Autoradio den Nachrichten der BBC. Die Sun, das aggressive Massenblatt mit der Millionenauflage, die vulgäre Verkörperung groß-britannischen Chauvinismus und frankophober Verunglimpfung des Kontinents, hat sich in Schottland auf die Seite der Scottish National Party (SNP) geschlagen – jener Partei, die die Auflösung des Vereinigten Königreichs betreibt. Reißt der Strom des Nationalismus nach der Sowjetunion und Jugoslawien nun die Insel in Stücke?

"Erhebt euch", fordert das ganzseitig mit der blauweißen Nationalflagge eingefärbte Titelblatt von seinen schottischen Lesern, "und ersteht wieder als Nation!" Darunter: "Warum Schottland unabhängig werden muß". Auf sieben Sonderseiten begründet die Glasgower Ausgabe des Millionenblattes aus Rupert Murdochs australisch-britisch-amerikanischem Presseimperium, warum die Stunde gekommen sei, "die Ketten der Union abzuwerfen". Ein Professor Barrow, Lehrstuhlinhaber für schottische Geschichte an der Universität Edinburgh, entlarvt die korrupten Ränke des Adels, der 1603 die Vereinigung der Königshäuser und 1707 die Union des schottischen mit dem englischen Parlament einfädelte. Der Leitartikel konstatiert, die Ehe der beiden Länder sei derart zerrüttet, "daß sie nicht mehr zu retten ist". Und auf Seite 5 werden die tiefsten Quellen des Nationalstolzes angezapft: "Unsere Fähigkeiten werden auf der ganzen Welt bewundert." Als Beispiele für die Überlegenheit der schottischen Rasse dienen Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond, Lulu, eine mir bislang unbekannte Popsängerin, etliche (auch mir bekannte) Fußballstars und natürlich Sean Connery, der 007-Superstar, kürzlich zum "erotischsten Mann der Welt" gewählt.

"Die Schotten", leitartikelte in der vergangenen Woche allerdings auch die seriösere Londoner Times "sind Bürger einer Nation mit einer ebenso stark ausgeprägten Kultur und Identität wie irgendeiner des Dutzends neuer Staaten in Osteuropa ... Schottlands gegenwärtige Stellung im Königreich ist auf Dauer nicht haltbar."

55 Prozent der Bürger dieser Nation, die als Staat nicht existiert, wollen ihre Unabhängigkeit, ergab eine Meinungsumfrage des Glasgow Herald. In Inverness, der Bezirkshauptstadt des Hochlandes, verkündete der Wirt der "Haugh Bar", daß er fortan Engländern den Zutritt zu seinem Pub verwehren werde, "bis zu dem Tag, an dem wir unsere Freiheit errungen haben". In Edinburgh organisierte die Tageszeitung The Scotsman eine Debatte: "Schottland am Scheideweg". Der Andrang war riesig, BBC Scotland übertrug die Debatte in voller Länge. Der Nationalistenführer Alex Salmond wurde bejubelt wie ein Boxer in der Arena.

Der Kampf gegen den übermächtigen Nachbarn im Süden ist so alt wie die schottische Geschichte. "Wir kämpfen nicht für Ruhm oder Reichtum oder Ehr’", steht in der bis heute immer wieder zitierten "Declaration of Arbroath", der Magna Charta des schottischen Nationalismus aus dem Jahr 1320, "sondern einzig für die Freiheit ... nie und unter keinen Umständen werden wir uns englischer Herrschaft unterwerfen."

Tatsächlich wird Schottland von London wie eine Satrapie verwaltet. Der Satrap ist ein vom Premier bestellter "Secretary of State", ein Minister im Kabinettsrang. Er führt unter Mithilfe von vier Staatsministern einen Beamtenapparat, im Vergleich zu dem die EG-Kommission in Brüssel mit bescheidenem Aufwand operiert. Das Bürokratenheer ist in einem scheußlichen Betonkastell inmitten des sonst so schönen Edinburgh einquartiert und waltet über das Leben der Schotten von der Wiege bis zur Bahre, verteilt Subventionen, baut Gefängnisse, privatisiert Krankenhäuser, normiert den Schulunterricht. Was gut ist für die Schotten, wird nicht bei Wahlen vom Volk entschieden, sondern vom Satrapen und seinen vier Ministern. Sie rekrutieren sich aus dem verlorenen Häufchen schottischer Tories, die den Untergang ihrer Partei im Norden der Insel bislang überlebt haben.