ARD, Donnerstag, 13. Februar, 23 Uhr: „Anstandslos erotisch“

Der Film geht der „neuen Lust am Mann“ nach, Frauen, die sich in dieser Hinsicht öffentlich exponiert haben, werden befragt. Die achtundsechzigjährige Autorin Anne Rose Katz, die zweiundachtzigjährige Autorin Dorothea Zeemann sind sich einig: Alter macht frei. Frei, über etwas zu schreiben, wovon das Alter einen befreit hat. Benoîte Groult, die zweiundsiebzigjährige französische Autorin des Bestsellers „Salz auf unserer Haut“, wirkt sehr sympathisch. Den jüngeren Damen hingegen fehlt auch noch die Spur dessen, was man gemeinhin als Charme bezeichnet. Eine merkwürdige Phalanx, die da ihre Lust auf Mann verkündet, als wäre die nicht ebenso selbstverständlich wie die Lust von Mann auf Frau.

Da ist eine Photographin, die nackte Männerkörper inszeniert, und zwar so unerotisch, als wären es Wachsfiguren. In ihrer Art, männliche Photomodelle auf öffentlichen Plätzen zu rekrutieren, steckt mehr Resignation als im müden Blick dessen, der mit dem Hut auf den Knien in der Einkaufspassage hockt. Da ist eine Sängerin, die ihre Unterwürfigkeit besingt mit schlichten, geraden Worten und damit sozusagen keinen Hund – nun wohl, einen Hund vielleicht doch ... Da ist eine Dichterin, die ihre Phantasien vom versklavten Liebhaber beschwört, von einem „Mann im Haus“, der ans Bett gefesselt ist, der sich nicht wehren kann gegen sie und gegen seine Erektion, der ihr zu Diensten ist jetzt und immerdar. Sehen muß man die in ihrer Fräuleins-Verkleidung und muß sie auf ihre Weise von den geheimsten Dingen der Liebe reden hören – das wär’ das Wachbleiben am Donnerstag wert, wenn man Sinn für Kabarettistisches hat.

Lauter arme Frauen, die den Mut haben, ihren Schrei nach Mann mehr oder weniger kunstvoll öffentlich zu machen. Nicht als Sehnsucht, wie man das früher tat, sondern als phantasierte Erfüllung. Und dies scheint mir bezeichnend. Sehnen, Wünschen, Hoffen sind außer Kurs geraten. Lust auf ... ist ein Lieblingswerbespruch derer, die das Unerfüllbare aus der Welt zu schaffen bemüht sind. Unerfüllbarkeit – ein ungültiger Lebenswert: Da ist ein Credo der Industrie auf die Kunst durchgeschlagen, auf die Hemmschwellen von Künstlerinnen, die aus ihrer Lust auf ... einen Anspruch auf ... ableiten.

Frauen wählen Männer aus, sie sind das starke Geschlecht, das selektive Element, sie tragen die Verantwortung der Gattung gegenüber dem spielerischen Element Mann. Soviel ist unbestreitbar. In den verkehrten Verhältnissen der „Männergesellschaft“ kann es aus dem Blick geraten, kann männlicher Kraftmeierei eine weibliche sich gegenüberstellen. Wie die männliche komisch wirkt, so die weibliche traurig; Frauen haben ja von Natur Gewalt über Männer, eine Gewalt, die von Männern sehr genossen wird: ihren Charme. Und wo dem nicht so ist, hilft keine verbale oder praktizierte Gewalt; es gibt, ihr armen Männer und Frauen der Konsum-Genossenschaft, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht zu machen sind. Schicksal nannte man das früher, etwas, das man zu tragen hatte, das dem eigenen Leben seine eigene Schwere gab. Entsagung – das Wort klingt heute wie ein Witz. Da wird dem Erfüllungsdiktat gefolgt bis zur Ununterscheidbarkeit, bis zur Nur-noch-Körperlichkeit der Männlein und der Weiblein, die sich zu Scharen paaren, daß auch nur ja keiner übrigbleibe mit seiner Lust auf...

Der Film kommt ganz ohne Kommentar aus, der Anblick so lustvoller Damen spricht für sich. Martin Ahrends