Als Mark eines Tages auf den Dachboden steigt, findet er dort die Kisten mit den Erbstücken seines Großvaters. So firgen schon viele Geschichten an. Also, alles wie gehabt? Nicht ganz. Kein spinnwebverhangener Raum, Mark steht vielmehr in einer Galerieetage, freundlich, hell, mit mannshohen Fenstern versehen. Sein Vater, der ihr „Bauernhaus“ aufwendig umbauen ließ, führt dort mit Mark ein komfortables Leben, kameradschaftlich-väterlich und so ganz gegen manches Jugendbuchklischee. So hat er auch nichts dagegen, daß Mark die Kisten auspackt und die indonesischen Vergangenheit seines Großvaters zu einer Ausstellung gruppiert.

Beim Aufstellen einer fremdartigen Plastik überkommt Mark zum ersten Mal dieser „überspannte Zustand“ (wie sich der Vater später gegenüber der Polizei äußert). Und kurz danach sieht er den seltsamen Vogel im Apfelbaum sitzen: groß wie ein Huhn, den Schnabel eines Tukans, aber krumm wie bei einem Papagei. Darauf ein Horn, aufwärts gebogen, dem einer Kuh ähnlich.

Mark läßt sich nicht verwirren, er geht die Sache von der wissenschaftlichen Seite an. Also identifiziert er das Tier als Nashornvogel, und das ist nicht das einzige, was er seinen Büchern entnimmt. Mehr und mehr vertieft er sich in Geschichte, Gebräuche, ja sogar die Sprache des fernen Landes. Und dann ist es soweit: In der Helligkeit eines sonnigen Frühlingstages landet auf der Wiese neben dem Haus ein riesiger Garuda, ein Göttervogel, und trägt Mark mit sich fort. Ganz selbstverständlich geschieht das, so als sei es die natürlichste Sache der Welt. Wie überhaupt alles, was nun folgt – obwohl phantastisch und unglaubwürdig –, durch den Realismus der Beschreibung, die Genauigkeit der Einzelheiten durchaus normal erscheint: Der Zwischenstopp in Singapur, der Aufenthalt auf einer einsamen Insel und schließlich die Landung auf Borneo.

Autor Guus Kuijer hat es seinem Helden Mark gleichgetan: sich gründlich mit der Geschichte Indonesiens befaßt, Legenden eingeflochten und die heutige Lage der Bewohner, des Urwaldes und der Städte miteinbezogen. Nach 240 unterhaltsamen und aufregenden Seiten möchte man fast Marks Geschichtslehrer, Herrn Wolfswinkel, zustimmen: „Die Erforschung der Vergangenheit“, so meint er schon auf Seite 7, „hat nicht den geringsten nachweisbaren Nutzen und ist gerade deshalb so vergnüglich.“ Allerdings hat Herr Dr. Wolfswinkel, wie das so seine Art ist, dies doch ein wenig überspitzt formuliert. Susanne Krebs

  • Guus Kuijer:

Im Land der Nashornvögel Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers und Regine Kämper; Otto Maier Verlag, Ravensburg 1991; 240 S., 24,80 DM