Von Heinz-Günter Kemmer

Heinz Kriwet, der Vorstandsvorsitzende von Thyssen, ist ein höflicher Mensch. Es gehört deshalb nicht zu seinen Gepflogenheiten, andere am Sonntagmorgen zu stören. Am vergangenen Sonntag wich er jedoch von dieser Regel ab und rief kurz vor neun den IG-Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler an. Ob man sich zu einem Gespräch über den Tarifkonflikt in der Stahlindustrie treffen könne, wollte Kriwet wissen. Steinkühlers Antwort: „Da kann ich nicht nein sagen.“

Gut sechs Stunden später saßen sich Kriwet und Steinkühler im „Hotel Frankfurter Hof“ gegenüber. Kriwet hatte den Verhandlungsführer der Stahlarbeitgeber, Peter Ulrich Schmithals, mitgebracht, neben Steinkühler saßen sein Stellvertreter Klaus Zwickel und Lorenz Brockhues, Leiter des IG-Metall-Bezirks Dortmund und Chefunterhändler der Gewerkschaft. Wieder sechs Stunden später – um 21 Uhr – war ein Kompromiß unter Dach und Fach, mit dem offenbar beide Parteien leben können.

Die Stahlarbeitgeber deshalb, weil beim Prozentsatz der Tariferhöhung keine sechs vor dem Komma steht, die Gewerkschaft, weil sie ihrer Klientel vorrechnen kann, daß insgesamt sehr wohl ein Volumen von mehr als sechs Prozent erreicht worden ist. Nominell gibt es zwar nur 5,9 Prozent mehr, aber schon die einmalige Sonderzahlung von 175 Mark, die jeder der 135 000 Mitarbeiter in den Stahlunternehmen Nordrhein-Westfalens, Bremens und Niedersachsens erhält, bedeutet bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 3851 Mark 0,38 Prozent mehr je Monat.

Dazu kommt dann noch die Anhebung des Ecklohns um 16 Pfennig je Stunde vom 1. September an, die zwar rein rechnerisch auf das ganze Jahr bezogen nur 0,07 Prozent ausmacht, den Stahlarbeitern aber den Anschluß an das Lohngefüge der Metallverarbeitung bringt. Da hatten es die Unterhändler der Metall-Gewerkschaft nicht schwer, von der ohnehin für Montagvormittag nach Mühlheim einberufenen Tarifkommission die Zustimmung zu diesem Kompromiß einzuholen. Obwohl die Delegierten eigentlich zusammengekommen waren, um beim Hauptvorstand der Gewerkschaft in Frankfurt die Ausrufung des Streiks zu beantragen, stimmten der am Sonntagabend gefundenen Formel 118 der 121 Anwesenden zu.

Zwar sehen die Statuten der IG Metall keine neuerliche Urabstimmung vor, wenn es nicht zum Streik gekommen ist, die Gewerkschaft will das Verhandlungsergebnis aber dennoch durch die Mitglieder absegnen lassen. Von Freitag an gehen die knapp hunderttausend stimmberechtigten Stahlarbeiter, von denen sich in der vergangenen Woche 86,8 Prozent für einen Streik zur Durchsetzung ihrer Forderungen ausgesprochen hatten, erneut an die Urnen. Aber trotz vieler kritischer Stimmen – „Wir sind beschissen worden, die Gewerkschaft sollte man abschaffen“ – ist der Kompromiß nicht in Gefahr. Es genügt nämlich, wenn mehr als ein Viertel der Mitglieder für ihn stimmt.

Nachdem der zweite große Stahlstreik in der Nachkriegsgeschichte abgewendet ist, stellt sich die Frage, ob die Nerven der Bundesbürger, deren überwiegende Mehrheit einen Streik immer noch für ein nationales Unglück hält, wirklich so strapaziert werden mußten. Schließlich ist der alte Tarifvertrag schon am 31. Oktober vergangenen Jahres ausgelaufen – IG Metall und Arbeitgeberverband haben also mehr als drei Monate gebraucht, um zu einer Einigung zu kommen.