Von Vera Graaf

Als ich 1948 zum ersten Mal mit meiner Frau Alma nach Florida reiste, war Miami Beach ein kleines Israel. In den Cafeterias und auf den Straßen tönte es jiddisch wie in Tel Aviv“, schreibt Isaac Bashevis Singer in einem Essay über Miami Beach. „Es war bemerkenswert: Das Judentum hatte alle Schauertaten Hitlers und der Nazis überlebt. Hier war der Klang der alten Welt noch lebendig.“ Ob der Dichter, der hier zunächst im Hotel, dann in einer bescheidenen Wohnung mit Strandblick viele Winter zubrachte, seine sandige Halbinsel heute noch lieben würde, ist fraglich.

Gezählt sind die Tage, da alte Ehepaare wie die Singers langsam durch die Straßen wandern, jiddisch plaudernd und trotz der Hitze in Wollstrümpfen, Hut und Kopftuch. Die bescheidenen Cafeterias, in denen sie Borschtsch und süßsaure Krautwickel aßen, sind in Bistros und Cafés verwandelt, in denen trendiges Jungvolk an Salatblättern und Shiitakepilzen nagt. Dazwischen dämmern die letzten der Alten auf den Terrassen der paar Hotels dahin, die den Spekulanten noch nicht in die Hände gefallen sind, eifrig umschwärmt von jungen Unternehmern aus New York, Tel Aviv und Düsseldorf, die nur darauf warten, daß der letzte Gast den billigen Schaukelstuhl aus Aluminium räumt. Schnell wird dann die Hotelhalle in noch eine Tropicana Bar mit Neon, Flamingos und Piflas Coladas verwandelt, wie es sie auf dem Ocean Drive, Miamis neuer croisette, schon zu Dutzenden gibt.

Die Szene von South Beach – kurz So Be genannt – ist aus den Farbseiten der Illustrierten hinreichend bekannt. Seit europäische und amerikanische Photographen und Filmer die Miami-Sonne zum Photographieren entdeckt haben, fallen, Zugvögeln gleich, alljährlich vier- bis fünftausend Photomodelle ein, um hier die Wintersaison zu verbringen. Dann verwandelt sich der bunte Art-deco-Distrikt von South Beach mit seinen pittoresken Bauten in eine internationale Fleischbeschau muskelschwellender Bodybuilder, giraffenschlanker Euro-Girls in kunstvoll zerschlissenen Jeans und Trupps hübscher Bubis mit sonnigem Lächeln und einwandfreien pecs, wie die Pektoralmuskeln hier kurz und knackig heißen.

So viel Jugend ist ansteckend: Selbst die älteren Herrschaften, die Photographen, Hoteliers und Restaurateure, sind entsprechend jugendlich gestylt. Schüttere graue Haare werden zu Pferdeschwänzen gezwirbelt, Bierbäuche in enge Lycra-Shorts gestopft. Der Exil-New-Yorker Tony Goldman, Besitzer von achtzehn Grundstücken und selbst ein silbriger pony tail-Träger, meint: „Manchmal denk’ ich, man könnte hier einen Strafzettel für Häßlichkeit bekommen.“

Bei alldem gibt sich So Be betont entspannt. Der jugendliche Jet-set will keine Zwänge, dafür um so mehr Atmosphäre. So drängen sich in der ersten Reihe hinterm Strand Cafés und Restaurants, Hotels mittlerer Preislage und in der zweiten Reihe Model- und Filmagenturen, kubanische Restaurants und die allgegenwärtigen Nail Studios, wo der weibliche Fingernagel als wesentliches Mittel künstlerischen Ausdrucks erkannt wird.

Das Neueste auf dem Nagelmarkt ist im Salon Blanco zu sehen, wo ich mir als wandernde Anthropologin eine Pediküre leiste. Leonora, die die Fußpflege übernimmt, stammt aus Kuba und läßt behende ihre mindestens fünf Zentimeter langen, blutroten Fingernägel über meine Füße tanzen. Ganz offensichtlich eine Investition in ihre Karriere: Die Nägel der Mittel- und der Ringfinger sind durchbohrt und mit winzigen Tannenbäumchen versehen, die auf der Innenseite des Nagels jeweils mit einer Gegenschraube festgehalten werden. Die Tannenbäume sind außerdem noch mit dünnen Goldketten verbunden, was Leonora das Aussehen einer delikat gefesselten Märtyrerin verleiht. Dazu rasseln an jedem ihrer Arme circa zehn Silber- und Goldreifen, um die Taille trägt sie einen breiten Gürtel aus Metall. Als ich ihr ein Kompliment mache, errötet sie unter ihrem roten Tina-Turner-Haarmop und sagt: „Danke! Und ich hab’ auch schon zwei Enkel!“