Von Peter Handke

Daß ich zu Peter Stephan Jungks Buch „Tigor“ etwas schreibe, ist ein Freundschaftsdienst. Aber wer sagt, daß von einem Freundschaftsdienst nicht auch ein Dritter etwas haben kann – im Fall hier dieser und jener Leser?

Ich kenne Peter Jungk fast schon seit seinen Kindes- oder wenigstens Halbwüchsigen-Beinen: Der damals etwa Sechzehnjährige, ironischer Schüler einer Rudolf-Steiner-Schule, gehätscheltes, freilich um so weniger umhegtes Einzelkind, schrieb bereits, jedoch nicht darauflos, sondern fühlbar aus sich heraus, blumig Unverständliches, das mir aber glaubhaft erschien durch seinen Rhythmus, auch das Abbrechen immer im richtigen Moment, Zeugnisse eines Zungenredens, eines einsamen (daher statt des Redens das Schreiben). Der Heranwachsende spielte auch in seinen Texten immer noch Kind und gab sich überhaupt als „Kind für Kinder“; als das „große Kind“ für alle möglichen kleineren; und diese Haltung, kommt mir vor, geht bis heute, da er bald vierzig wird, durch sein Leben, und ebenso sein Schreiben – wenngleich das Kindspielen und mit Kindern Spielen des Erwachsenen namens Tigor in Jungks Roman jetzt dramatisch geworden ist, ein oft beklemmmender Erzähltanz am Rand der Verlorenheit: Der Buchheld Tigor spielt im Lauf der Begebenheiten geradezu zwanghaft Kind, plappert wie ein Kind, versteckt sich wie eine Kind, stellt kindgleich Sachen an, bricht nach Kinderweise auch immer wieder seine eben angefangenen Spiele ab – ohne sein Kindspielen und mit Kindern Spielen geriete er aus seiner letztmöglichen Wirklichkeit (und als Tigor schließlich sozusagen Ernst macht und aus dem Spielkreis tritt, geht er in der Tat am Ende ja verloren).

„Tigor“ ist Peter Jungks viertes Buch; es ist, in meinen Augen, sein erstes, worin er sich ausfaltet – entfaltet; das Buch hat Flügel, und wenn es auch eher zerschlissene, zusammengestümperte und -geschusterte sind, nicht wenig Diebsgut und Billigware darin eingeflochten, und wenn sie auch nicht gar weit und hoch tragen, ihr Aufschwung nicht reicht für den von Tigor so ersehnten Gipfel des Ararat: Flügel hat das Buch doch, gerade in seiner stellenweisen Kümmerlichkeit berührende und bewegende.

Gigantischer Comic strip

Das heißt nun freilich nicht, daß die drei vorangegangenen Bücher Jungks weniger der Rede und des Lesens wert sind: Nein, ein jedes von ihnen hat eine Notwendigkeit und eine Art. Das erste, über zehn Jahre alt, mit dem Titel „Im Stechpalmenwald“, erzählt gleichsam im Vorbeigehen, streiflichtförmig, von der Hollywood-Landschaft, wo der junge Autor eine Zeitlang Filmstudent war. „Hollywood“, das ist die „Stechpalme“, und so wirkt auch das kleine Buch: Aus dem ungreifbaren, unzugänglichen Hollywood wird ein greifbarer, anschaulicher, nach allen Seiten sich öffnender Stechpalmenwald. Ebenso eigensinnig ist dann auch die Erzählung, oder ist es ein Selbst-Bericht?, „Rundgang“, die in Wahrheit mehrere Rundgänge in der Stadt Jerusalem skizziert, oder nachzieht?, oder projektiert, wohin ein etwa dreißigjähriger, kosmopolitisch aufgewachsener Jude aufgebrochen ist, um sich dort, gehend, fragend, lernend, lesend, auch nichtstuend und schlicht im Kreise irrend, eine, mit den Jahren doch mehr und mehr entbehrte Angehörigkeit, zu einem Volk? einer Sprache? einer Schrift? einer Erdlandschaft?, anzueignen. Das dritte Buch Peter Jungks ist, sozusagen logisch, ein fast selbstloses und dabei eine gewaltige und, für einmal ist ein sonst eher blödsinniges Wort am Platz, „mannhafte“ Leistung: Es ist seine Biographie Franz Werfels, das Ergebnis einer mehrjährigen, verbohrten, verzweifelten, belustigten und dabei stetig gewissenhaften Spurensuche, eine zugleich geographische, geologische, archäologische und philologische Forschungsarbeit, mit gehörig vielen Abweichungen und Zer-Streuungen, allesamt geführt mit zunehmend leichter Hand, so daß der Leser von dem Autor am Ende ein Gefühl wie von jenem Privatdetektiv hat, welcher zu Beginn eher lustlos einen ihm kümmerlich erscheinenden Auftrag angegangen ist und dann an dessen Hand, mehr und mehr begeistert, nicht nur eine einzelne Stadt, sondern einen ganzen Weltkreis umrundet.

Viel von dieser Bewegung des Suchens, dem jähen Abbrechen, dem Zickzack von Ort zu Ort, von einem Akteur zum andern, der Sprunghaftigkeit, ist auch jetzt im „Tigor“, Peter Jungks erstem „Roman“, zu erleben. Nur ist an die Stelle der Figur des Franz Werfel hier ein leerer Umriß gerückt, besser gesagt etwas Chimärisches, welches an der einen Stelle vielleicht die Gestalt einer Lichtung in einem Gebirgswald, an der andern die einer Frau, dann die einer Gruppe von Arbeitsfreunden, endlich eben die des Arche-Noah-Berges Ararat an der Grenze zwischen Armenien und der Türkei annimmt. „Chimäre“ soll auch besagen: Die einzelnen Gestalten, Figuren, Bilder sind jeweils ohne Bestand, wechseln von Augenblick zu Augenblick, von Kapitel zu Kapitel.