Magdeburg

Verschwinden Sie hier bloß“, sagt der Baggerfahrer, der mit seinem Planierschild Schützenlöcher zuschiebt. Mit der Hand in die Richtung deutend, aus der soeben noch Kanonendonner ertönte, erklärt er sich näher: „Das ist militärisches Sperrgebiet. Wenn Sie einer von den Russen hier sieht, nehmen die Sie gleich mit – die sind in letzter Zeit sehr nervös!“

Der gutgemeinte Rat wird mitten im Herzen von Sachsen-Anhalt, dreißig Kilometer nördlich der Landeshauptstadt Magdeburg, erteilt. An dieser Stelle beginnt der größte Truppenübungsplatz der Sowjetarmee in Deutschland. Bis 1994 steht das aus der Colbitz-Letzlinger Heide herausgeschälte, rund 160 Quadratkilometer umfassende Terrain noch unter sowjetischer Oberhoheit.

„Dreizehn Jahre durch die Nationalsozialisten und 45 Jahre durch die Rote Armee mußte die Bevölkerung zuschauen, wie man vor ihren Augen die Natur der Heide mißhandelte“, heißt es in einem Aufruf der Bürgerinitiative Colbitz zur Rekultivierung des Gebietes. Aber nicht nur die Noch-Präsenz des Umweltverwüsters Sowjetarmee bringt die einheimischen Gemüter in Wallung. Die Anhaltiner befürchten vielmehr, daß ihnen die Heide auch in Zukunft versperrt bleibt, weil die von Wehrmacht und Roter Armee verkörperte Kontinuität künftig von der Bundeswehr fortgesetzt wird. Ihre Vertreter hatten wiederholt signalisiert, die weitere militärische Nutzung des Übungsgeländes sei wegen seiner „außerordentlichen Eignung als Schießplatz und Manövergebiet unbedingt erforderlich“ – auf der sibirisch weiten Fläche kann man zum Beispiel mit Panzern prima „aus der Bewegung heraus“ losballern.

Streitereien zwischen Bundeswehr und Kommunen um die einstigen Übungsplätze von NVA und Sowjetarmee sind in Ostdeutschland an der Tagesordnung. Fünfzehn der ehedem sechzig Übungsplätze sollen nach den Vorstellungen des Verteidigungsministeriums als Militärstandorte erhalten bleiben, sehr zum Leidwesen vieler Anwohner und Lokalpolitiker.

Im Fall Letzlinger Heide ist die Rechtslage für die Bundeswehr günstig. Der größte Teil der Fläche gehörte vor 1945 der Reichsforstverwaltung, so daß Land und Kommunen nur bedingt Ansprüche anmelden können – Vortritt hat der Bundeslandwirtschaftsminister.

Die Colbitz-Letzlinger Heide, einst das umfangreichste zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas, gehört mit der heute verbliebenen Fläche von mehr als 300 Quadratkilometern zu den größten unbesiedelten Gegenden Deutschlands. Zahlreiche vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten haben hier den sowjetischen Einmarsch überlebt, der ihnen wenigstens die zivilen Umweltsünder wirkungsvoll vom Halse hielt. Unter der Heide befindet sich zudem eines der größten europäischen Trinkwasserreservoirs: In 60 Meter Tiefe hat sich eine natürliche Talsperre gebildet, die 3,3 Milliarden Kubikmeter Grundwasser faßt. 600 000 Menschen trinken aus diesem Brunnen, für 1,2 Millionen würde er ausreichen.