Die meisten Deutschen plädieren für ein Tempolimit – und kaufen dennoch immer schnellere Wagen

Die unendliche Geschichte von den Deutschen und dem Tempolimit geht weiter. Jetzt gilt immerhin als sicher, daß eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Roman Herzog, hat mit dieser Erkenntnis die Sache selbst zwar kaum befördert, denn die Kompatibilität war unbestritten, aber ihr auch nicht geschadet. Ebensowenig überraschend kam, daß Freiherr Heinrich von Lersner zu Beginn der Woche Tempo 120 forderte – er ist Chef des Umweltbundesamtes und trommelt seit Jahren für ein Limit, weil dadurch weniger Stickoxid und Kohlendioxid (C02) aus den Auspuffrohren geblasen werden. Erstaunlich dagegen erscheint die Mehrheit von 72 Prozent aller Deutschen, die nach der jüngsten Umfrage im Auftrag des Bonner Umweltministers für eine allgemeine Begrenzung eintritt – im Westen auf 120, im Osten auf noch etwas weniger.

Beinahe drei Viertel für ein Tempolimit? Das klingt gut, denn so viel waren es noch bei keiner Untersuchung. Solche Resultate erhöhen den Druck auf Verkehrsminister Günther Krause, der die freie Fahrt auf den Autobahnen mit dem dünnen Argument verteidigt, durch ein Limit nähme die Aggressivität im Straßenverkehr zu. Das Gegenteil stimmt – zu erleben auf ausländischen Schnellstraßen. Mit Tempolimit müßten weniger Menschen sterben oder als Krüppel weiterleben, reduzierte sich außerdem der Spritverbrauch und damit der Ausstoß des Klimagiftes CO2. Unter Fachleuten sind dabei Verbesserungsquoten durchaus umstritten, nicht aber die Verbesserung selbst.

Wenn so viele Bürger für das Tempolimit eintreten, ist das eine gute Nachricht – und dabei könnte man es bewenden lassen. Aber so einfach ist die Sache nicht. Denn zugleich kaufen sich immer mehr Deutsche ein Auto, das schneller als Tempo 200 fahren kann. Erstmals überstieg im vergangenen Jahr die mittlere Höchstgeschwindigkeit aller neuzugelassenen Pkw diese Marke, was vor Jahren noch reinen Sportwagen vorbehalten war. Die Umfrageergebnisse zum Tempolimit erscheinen vor diesem Hintergrund äußerst fragwürdig. Wer legt sich schon einen GTI zu und plädiert zugleich fürs Tempolimit?

Kritiker der Autogesellschaft schieben dafür der Industrie die Schuld zu, die das Auto stets nur in eine Richtung verändert hat, nämlich „schneller, größer, teurer“, und damit dem Kunden kaum eine andere Wahl ließ als mitzumachen. Allerdings: Es gibt auch Sparmodelle auf dem Markt mit ökonomischen PS-Zahlen; die gelten jedoch nicht als fortschrittlich, sondern nur als schwach und ärmlich. Im Prinzip liefert die Industrie, was verlangt wird. Aber sie sorgt auch mit vielen Werbemillionen dafür, daß sich die Nachfrage in ihrem Sinne entwickelt. Die automobile Aufrüstung bringt mehr Geld in die Kassen der Hersteller. Die Tour kommt an – Mensch und Natur geraten unter die Räder.

Sind also die Deutschen trotz der Bekenntnisse fürs Tempolimit doch nur ein Volk von unmündigen Autokäufern in den Fängen einer Industrie, die das gnadenlos ausnutzt? Es sieht so aus – und deshalb bleibt nur der Zwang von oben: ein streng überwachtes Tempolimit wie in allen zivilisierten Ländern dieser Erde üblich. Die entspannte, umweltschonende und weniger unfallträchtige Fahrweise sollte dann auch die Prioritäten der Entwickler für neue Autos entscheidend verschieben. Die Zukunftsmobile dürfen höchstens noch fünf Liter auf hundert Kilometer verbrauchen, müssen billiger statt immer nur teurer in der Anschaffung werden und mehr Spaßvehikel als Renommierobjekt sein. Wenn die deutschen Autohersteller sich nicht darauf einstellen, wird ihnen jemand anderes eine Lektion erteilen: die Konkurrenz aus Japan. Heinz Blüthmann