Düsseldorf

Zu Lebzeiten trat sie „im öffentlichen Leben stark hervor“, heißt es im Lexikon über die Königin. Das trifft heute noch auf sie zu; fast dreieinhalb Jahrtausende nach ihrem Ableben ist sie jüngst wieder in die Schlagzeilen geraten. Und auch ihr Name klingt wie eine Anspielung auf die gegenwärtige Diskussion: Nofretete. Das ist Altägyptisch und heißt auf deutsch: „Die Schöne ist gekommen.“

Zu verdanken hat die Pharaonin ihr Comeback Brigitte Schumann, der kulturpolitischen Sprecherin der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag. Sie fordert Nofretetes Kopf. Vor achtzig Jahren gruben deutsche Archäologen in Amarna die Büste der Nofretete aus; ein Jahr später kam sie nach Berlin. Dort steht sie noch immer und ist das Glanzstück im Ägyptischen Museum, das zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört.

Dort gehöre sie nicht hin, ereifert sich Frau Schumann. Preußischer Kulturbesitz! Aus Ägypten! Für die Grünen-Politikerin ist Nofretete ein klassisches Beispiel für den „Raub von Kulturgütern aus der sogenannten Dritten Welt“. Sie verlangt kategorisch, die Büste an Ägypten zurückzugeben. Und ihre Landesregierung, die die Stiftung in Berlin mit jährlich zwölf Millionen Mark mitfinanziert, fordert Brigitte Schumann auf, sich generell für die Rückgabe von Kulturgütern an die Herkunftsländer einzusetzen. „Ein erheblicher Teil der Kunstgegenstände, die von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwaltet werden, sind aus heutiger Sicht geraubte Kulturgüter“, meint Frau Schumann.

Dann müßten ja reihenweise Museen hierzulande geschlossen werden, entgegnet darauf Wolfgang Kahlcke, der Sprecher der Stiftung. „Diese Sammlungen sind ja längst unsere Geschichte.“ Im übrigen sei Nofretete nie geraubt worden. Damals habe man „halbe-halbe“ gemacht zwischen der Deutschen Orient-Gesellschaft, die die Ausgrabungen leitete, und der Ägyptischen Antikenverwaltung. Nofretete habe halt zur deutschen Hälfte gehört.

Eine faire Teilung sei das doch nicht gewesen, meint Brigitte Schumann. Ägypten sei ja zu der Zeit noch britische Kolonie gewesen. Ja, der Leiter der Ägyptischen Antikenverwaltung, meint Wolfgang Kahlcke sich zu erinnern, war ein Franzose – na und? Im übrigen sei ihm nichts davon bekannt, daß Ägypten Nofretete wiederhaben wolle. Stimmt das? Der ägyptische Botschafter in Bonn, Raouf Ghoneim, schweigt höflich.

Unerwartete Schützenhilfe erhielt die Stiftung von den Berliner Grünen. Statt „uninformiert und unabgestimmt“ die Rückgabe der Büste Nofretetes zu fordern, hätte sich die nordrhein-westfälische Schwester „besser in den Kölner und Bonner Museen umsehen sollen“, meint Albert Eckert, der für die Fraktion Bündnis 90/Grüne im Berliner Abgeordnetenhaus die Kultur vertritt. Wohin solle Nofretete denn „zurück“, fragt er. Nach Amarna, in dieses „Beduinendorf“, wo man sie einst ausgrub? Dort gebe es doch gar kein Museum! Oder nach Kairo? Dort war sie nie! Ägyptens Präsident Mubarak habe bei einem Besuch im Ägyptischen Museum selber gesagt, Nofretete sei „die beste Botschafterin Ägyptens in Berlin“.

Brigitte Schumann läßt sich davon nicht beirren. Sie will sich nun mit den nordrhein-westfälischen Grünen der „Bewegung zur Rückgabe der Kulturgüter“ anschließen, die die Gesundheitsorganisation medico international anläßlich des Kolumbus-Jahres 1992 initiiert hat. „Mit Kolumbus hat alles angefangen, was an Mord, Massakern und Kulturraub stattgefunden hat“, sagt Thomas Gebauer von medico international. Das Jubiläumsjahr, pflichtet Brigitte Schumann bei, sei „ein guter Anlaß, über unsere europäische Tradition der kulturellen Enteignung anderer Länder nachzudenken“. Roland Kirbach