Von Gero von Randow

Pit ist ein aufgeweckter Hamburger Junge von sieben Jahren. Nur beim Rechnen will ihm nichts gelingen.

Seine Eltern machen sich Sorgen und besuchen gemeinsam mit Pit die Psychologin Annekatrin Thies vom Werner-Otto-Institut, einer Stiftung öffentlichen Rechts. "Kinderzentren" wie das Werner-Otto-Institut gibt es auch in anderen deutschen Großstädten. "Wie viele Tage hat eine Woche?" fragt die Frau. "Fünf", antwortet der Junge. "Wie lange dauert es noch bis zu deinem nächsten Geburtstag?" – "Vier Jahre."

Pit kann mit den Begriffen für Zeiträume, also mit "Tagen", "Wochen", "Monaten" und "Jahren", nichts anfangen, ebensowenig mit Zahlen. "Für Pit bezeichnen Zahlen keine Mengen oder Größen. Kinder wie er zählen, als würden sie ein Gedicht aufsagen", meint die Psychologin. Sie vermutet, daß es sehr viele Schüler gibt, die trotz durchschnittlicher oder hoher Intelligenz beim Rechnen versagen – eine Erscheinung, die "Dyskalkulie" genannt wird.

Immer wieder stößt Frau Thies auf Lehrer, die noch nie von Dyskalkulie gehört haben. Daß Legastheniker genauso intelligent sein können wie andere Kinder, hat sich mittlerweile herumgesprochen, und die Schreib-Lese-Schwäche ist nichts Ehrenrühriges mehr. Die Rechenschwäche hingegen gilt gemeinhin als Zeichen für geringere geistige Gaben. Ein Schulkind, das "nicht zwei und zwei zusammen zählen kann", ist eben doof.

Und "doof bleibt doof, da helfen keine Pillen", wie der grausame Spruch lehrt. Psychologen berichten von den Martyrien, die betroffene Kinder erdulden müssen: Lehrer triezen sie mit Wiederholungen der Lernschritte, die sie gar nicht nachvollziehen können, Mitschüler hänseln, Eltern resignieren ("das kannst du eben nicht") oder inszenieren sinnlose Dressurakte. "Ich kenne Kinder, die sämtliche Additionen im Zahlenraum von eins bis zwanzig auswendig lernen mußten", sagt Frau Thies. Natürlich scheitern diese Strategien.

Im falschen Umgang mit Zahlen drückt sich oft eine tiefer liegende Schwäche aus, etwa ein Mangel räumlicher Phantasie. Wer sich arithmetische Operationen auf dem "Zahlenstrahl" vorstellen kann, versteht ihren Sinn leichter. Die Bedeutung der Ziffer 2 in der Zahl 21 zu erkennen setzt voraus, das räumliche Konzept des Stellenwerts zu begreifen.