Von Walter van Rossum

Am 22. Juli 1940 berichtet Jean-Paul Sartre aus dem Kriegsgefangenenlager seiner Freundin Simone de Beauvoir: "Ich habe angefangen, eine metaphysische Abhandlung zu schreiben: L’être et le neant." Er ist gerade 35 Jahre alt geworden und gilt als einigermaßen erfolgreicher Schriftsteller und Philosoph. Aber erst der Krieg führt ihn auf die Höhe seiner Ambitionen. Jetzt findet er seine Themen.

In den (nicht vollständig erhaltenen und erst postum publizierten) "Kriegstagebüchern" aus der Zeit der drôle de guerre des seltsamen deutschfranzösischen Wartekrieges von September 1939 bis Mai 1940, hat er seine Vorkriegshaut abgestreift, betreibt er die Metamorphose, wird zum Schmetterling, wird zu Sartre. Die Monate im düsteren, aber geregelten, im Intensiv-Wartezimmer des Krieges waren unendlich produktiv für Sartre. In wenigen Monaten schreibt er alles in allem mindestens 2500 Druckseiten Tagebücher, Briefe, und an seinem Roman "Zeit der Reife". Ein beispielloses Unternehmen und zugleich das beste Beispiel für ein Konzept, das Sartre gerade erst zu denken beginnt: den Entwurf. Die Überschreitung der Bedingungen als menschliche Grundbedingung. Aber auf welchen Sinn zu? Mit welchem Rüstzeug? Das werden die Fragen seines ersten philosophischen Hauptwerkes sein.

Flink, subversiv, aggressiv

Sartre hat "Das Sein und das Nichts" jedoch nicht im Juli 1940 begonnen. Erste Skizzen finden sich zwar bereits in den "Kriegstagebüchern", aber im Kriegsgefangenenlager findet er keine Zeit. Im März 1941 gelingt es Sartre, ein ärztliches Attest zu fälschen und damit der Gefangenschaft zu entkommen. Nach Paris zurückgekehrt, erkennt Simone de Beauvoir ihn nicht wieder.

Wie nie zuvor sucht Jean-Paul Sartre die Tat. Mit Maurice Merleau-Ponty und anderen gründet er eine Resistance-Gruppe. Die Gruppe zerfällt bereits nach dem Sommer. Die Deutschen greifen die UdSSR an. Und die Kommunisten – gerade noch durch den Hitler-Stalin-Pakt tödlich diskreditiert – erobern die französische Resistance-Szene. In seltener Feinfühligkeit erkennen sie in Sartre den größten ihrer kommenden Widersacher. Sie streuen Gerüchte über ihn aus: deutscher Agent, Heideggerianer, kleinbürgerlicher Ekelschriftsteller. Jedenfalls findet er sich im Herbst 1941 in tiefer Abgeschnittenheit wieder. Der Elan der Tat ist verrauscht, seine Person diskreditiert.

Jetzt erst beginnt er, "Das Sein und das Nichts" zu schreiben. Im Oktober tritt er eine Lehrerstelle am Pariser Lycée Condorcet an. Vom Ende des Jahres 1941 an arbeitet er jede freie Minute an seinem philosophischen Wälzer. Meistens im ersten Stock des Café Flore auf dem Boulevard Saint-Germain – unweit seines Hotels, aber im Gegensatz zu diesem: geheizt. Im Oktober 1942 gibt er das fertige (und heute leider verlorene) Manuskript bei Gallimard ab. Im Frühjahr 1943 erscheint das Buch, fast unbemerkt, erst nach dem Krieg wird es erregt diskutiert.