Von Reinhard Stockmann

Es ist bitterkalt. Von den Zeltwänden tropft Kondenswasser. Eine klamme Feuchtigkeit durchdringt den Schlafsack und kriecht in den Körper. Die Nacht an dem 4700 Meter hoch gelegenen Sungmoteng-See in Sikkim im Nordosten Indiens beschert uns einen unruhigen Schlaf. Von hier aus wollen wir den Goecha La besteigen, einen Paß, der großartige Ausblicke auf den dritthöchsten Berg der Erde, den Kanchenjunga, bietet. Doch noch ist die Nacht nicht überstanden. Von Ferne hören wir helles Geläut. Offensichtlich nähert sich unserem Zelt eine Schar Yaks. Ein wildes Schnauben erschreckt uns. Zwei Meter vor dem Zelteingang posiert ein riesenhaftes pechschwarzes Zotteltier. Aus den Nüstern steigen dampfende Schwaden auf, und große Augen mustern uns interessiert. Wir zelten ausgerechnet auf einem Lieblingsplatz der Yaks.

Mühsam schälen wir uns aus den Schlafsäcken und treten hinaus in die eisige Kälte. Eine Szene übernatürlicher Schönheit empfängt uns. Rund um unser Zelt stehen schnaubende Yaks, die sich dunkel von den silberglänzenden Schneeflächen und Gletscherabbrüchen der uns umgebenden Eisriesenwelt abheben. Die mattgelbe Scheibe des Vollmonds taucht die unwirklich anmutende Szene in ein geheimnisvolles Licht. Wieder im Schlafsack, lauschen wir den Geräuschen der Yaks, die weiterhin unruhig unser Zelt umrunden. Wir haben Angst, daß sie sich in den dünnen Zeltschnüren verfangen und unser Zelt zum Einsturz bringen könnten. Doch nichts dergleichen geschieht.

Um drei Uhr nachts weckt uns ein anderes Geräusch: das Klappern von Geschirr. Der Koch und der Führer unserer kleinen Expedition servieren den early morning tea. Wir trauen unseren Augen nicht. Zitternd vor Kälte schütten sie kochendheißen Tee in die Tassen und reichen ihn in unser Zelt hinein.

Der Aufstieg kann beginnen. Im Schein unserer Taschenlampen steigen wir dem Goecha La entgegen. In der schwarzen, glatten Seefläche spiegeln sich die Eismassen des Pandim, der so hoch über uns aufragt, daß es scheint, als wollten die dicken Eispanzer, die an seinen steilen Flanken kleben, gleich auf uns herunterstürzen. Wir tasten uns durch Geröll und Schottermoränen, überqueren kleine Bäche und klettern zwischen Felsen umher. Der Aufstieg ist mühsam. Die Höhe macht sich bemerkbar. Allmählich wird das silbrige Licht des Mondes von einer fahlen Morgendämmerung abgelöst. Wir haben die Paßhöhe erreicht.

Vor uns breitet sich eine schnee- und eisbedeckte Kette von Gipfeln aus, deren mächtigster der 8598 Meter hohe Kanchenjunga ist, der heilige Berg Sikkims, der nach vergeblichen Anläufen britischer, amerikanischer und deutscher Bergsteigerteams 1955 von englischen Alpinisten erstmals bezwungen wurde, ohne daß sie allerdings den Gipfel betraten.

Die Sonne erreicht die ersten Schneespitzen, so daß sie in einem zarten, blaßrosa Licht erstrahlen. Immer mehr Gipfel und Zacken werden in dieses heller und kräftiger werdende Licht getaucht, bis die eisbepackten Steilhänge, die himmelhohen Eis- und Felstürme, die überhängenden Wächten und die langgezogenen Gletscherströme mit ihren tiefen Furchen, Narben und bizarren Abbrächen in der Sonne gleißend strahlen. Fasziniert von dieser Inszenierung der Natur sind die Strapazen der vergangenen Tage wie weggeblasen.