Von Albrecht Schönherr

Als Mitte der fünfziger Jahre deutlich wurde, daß die Deutsche Demokratische Republik kein „Wölkchen, das vorübergeht“ sein würde, mußten die Kirchen und Christen auf beiden Seiten über diese Situation nachdenken. Die politischen Systeme drifteten immer mehr auseinander. Die Menschen waren davon auf sehr unterschiedliche Weise betroffen. Es wurde den Kirchen immer weniger möglich, sich in Ost und West gemeinsam zu den Fragen des Tages zu äußern. Wenn sie im Westen kritisch redeten, hieß es, sie seien kommunistisch unterwandert; im Osten wurden sie als Partisanen des Westens verdächtigt. Mißlich war es auch, wenn die für die Stellungnahme der Kirche Verantwortlichen nicht in dem Teil Deutschlands wohnten, dem ihr Wort galt.

Dazu kamen politische Gründe. Seit 1958, dem Abschluß des Militärseelsorgevertrages zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Bundesrepublik Deutschland, gab es keine offiziellen Beziehungen mehr zwischen der Regierung der DDR und den evangelischen Landeskirchen. Der Staat suchte sich die ihm genehmen Gesprächspartner aus. Das schaffte unerträgliches Mißtrauen. „Divide et impera“ war schon immer eine erfolgreiche Devise staatlichen Handelns. In zunehmendem Maße unterband der Staat der DDR die Arbeitsmöglichkeit der EKD: Weder Synode noch Rat konnten vollzählig miteinander tagen. Und schließlich wurde im Zusammenhang mit der neuen sozialistischen Verfassung der DDR die legale Möglichkeit einer grenzüberschreitenden Organisation abgeschnitten, wie es die EKD bis dahin war.

Die evangelischen Kirchen standen vor der Frage, ob sie unter ständigen Rückzugsgefechten sich völlig in den Winkel drängen lassen oder ob sie andere Wege wagen wollten. Sie entschieden sich für das letztere und gaben den Auftrag zu einer Neuordnung. Nach einjähriger Vorbereitung, einschließlich der Zustimmung aller Synoden, wurde am 10. Juni 1968 der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) aus der Taufe gehoben. Maßgebend war der Dienstauftrag der Kirche „am gegebenen Ort“.

Die Trennung ging freilich nicht ohne Schmerzen ab. An der Einheit der EKD festzuhalten, auch wenn diese nicht mehr praktizierbar war, hatte für manche den Charakter eines aktuellen Bekenntnisses zur Einheit der Kirche Christi. Auch der nationale Gedanke spielte eine Rolle: Die evangelische Kirche war die letzte Klammer deutscher Einheit. Für die meisten war die organisatorische Trennung überhaupt nur zu vollziehen, weil die Grundordnung des BEK den Satz enthielt: „Der Bund bekennt sich zu der besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland. In der Mitverantwortung für diese Gemeinschaft nimmt der Bund Aufgaben, die alle evangelischen Kirchen in der DDR und in der BRD gemeinsam betreffen, in partnerschaftlicher Freiheit durch seine Organe wahr“ (Artikel 4, Absatz 4). Die EKD übernahm diesen Artikel ebenfalls in ihre Ordnung. Beide Teile haben sich daran gehalten.

Vielleicht ist es nicht überflüssig zu betonen: Das Folgende ist aus dem Blickwinkel der Leitung der Kirche gesehen, also nicht unbedingt aus der Sicht aller Christen in den Gemeinden.

Der Staat drängte seit Jahren auf Trennung von den Kirchen in der BRD. Solche Politik wurde von dem CDU-Chef Gerald Götting auf die Spitze getrieben, als er behauptete, man könne den freien Kirchen in der DDR nicht zumuten, in einem Atem mit denen in der BRD genannt zu werden. Aber einen Zusammenschluß der DDR-Kirchen, also den „Bund“, wollten Staat und Partei nicht. Dafür spricht die Tatsache, daß es eineinhalb Jahre dauerte, bis der Kirchenbund offiziell anerkannt wurde.